Bamberg (pm) – Mit der Deutschen Pfadfinderschaft St. Georg (dpsg) hat ein katholischer Kinder- und Jugendverband eine Aufarbeitungsstudie zu sexualisierter und spiritueller Gewalt veröffentlicht. Auch diese Studie wird nicht die letzte ihrer Art sein. Und das ist gut so!
Die Last des Leides ist, das Menschen über Jahrzehnte hinweg durch Mitglieder der katholischen Kirche und ihrer Verbände und Gruppierungen erlitten haben, ist unendlich schwer und durch nichts zu entschuldigen. Schon deshalb ist es so wichtig, aufmerksam und vor allem radikal ehrlich mit sich selbst zu sein.
Und trotzdem lohnt es sich nicht, heute vorwurfsvoll mit dem Finger auf die Institutionen zu zeigen, die sich um Aufarbeitung und Prävention bemühen, weil es das eigentliche Problem nicht löst.
Denn wenn in der Präventionsarbeit die Rede von der Entwicklung einer „Kultur der Achtsamkeit“ ist, dann ist der eigentliche Kern des Problems benannt: Wie leben in einer Gesellschaft, in der sich eine Kultur entwickelt hat, die hochgradig problematisch ist und deshalb dringend ein Update braucht.
So zeigt auch die Aufarbeitungsstudie der dpsg, was in der breiten Gesellschaft zu beobachten ist: Alkoholkonsum, der die Hemmschwelle sinken lässt wie auf so mancher Party. Verletzende Worte und Taten unter Gleichaltrigen wie in den Klassenzimmern der Schulen. Asymmetrische Beziehungen zwischen Leitungen und anvertrauten Kindern und Jugendlichen wie in diversen Sportmannschaften. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig, aber sie macht deutlich: Sexualisierte Gewalt ist ein Ergebnis verschiedener Dynamiken, die es allesamt ernst zu nehmen gilt.
Und: Sexualisierte Gewalt ist kein ausschließliches Kirchenthema, sondern betrifft alle Bereiche der Gesellschaft.
Und deshalb liefert jede Studie aufs Neue Anlass zur kritischen Selbstreflexion. Als Mensch, als Leitungsperson, vor allem aber als Kollektiv.
Denn gerade die hohe Identifikation mit dem Kollektiv, sei es die Sportmannschaft, der Verband, die Familie oder die Glaubensgemeinschaft bietet immense Chancen, weil sie Sicherheit und Erfahrungen ermöglichen können, also Erfahrungen, von denen ihre Mitglieder ein Leben lang zehren. Wenn das Kollektiv tatsächlich achtsam miteinander umgeht und sich als Safer Space (also als Raum, in dem sich marginalisierte und diskriminierte Menschen sicher fühlen können) verstehen, dann liegt in den Kollektiven ein großer Schatz für (junge) Menschen.
Und gleichzeitig zeigt sich immer wieder, dass gerade die Frage nach der eigenen Identität und nach dem Zusammenhalten in der Gruppe dazu führt, dass Missbrauch wahrscheinlich wird. Die Risikofaktoren werden in den verschiedenen Aufarbeitungsstudien sichtbar: Es gibt ein „wir hier drinnen“ und ein „die da draußen“. Menschen wird die Definitionsmacht zugeschrieben, darüber zu entscheiden, wer dazu gehört und wer nicht.
Diese Zugehörigkeit führt zu enger Verbundenheit mit dem Kollektiv. Und allzu häufig gleichzeitig dazu, dass Täterinnen und Täter innerhalb des Kollektivs geschützt werden. Und es wird suggeriert, dass es „hier drinnen“ eine Gefahr, die überall sonst in der Gesellschaft anzutreffen ist, angeblich nicht gibt. Die Problemlage ist also komplex und nicht „auf die Schnelle“ zu lösen.
Denn es gleicht einer Mammutaufgabe, eine teilweise über Jahrhunderte hinweg gewachsene und verfestigte Struktur des (Macht)Missbrauchs wirklich wahrzunehmen und zu verstehen, welche Faktoren zusammenkommen mussten, damit wir uns als Gesellschaft an dem Punkt eingefunden haben, an dem wir nun stehen.
Dadurch wird gleichzeitig jede Institution, jeder Verband und jede Gruppe, die sich aufrichtig mit ihrer eigenen Geschichte (und Gegenwart) beschäftigt und sich kritisch anfragen lässt zu einer Gruppe, in der ein Wandel zum Guten möglich wird.
Denn der Weg in eine sicherere Zukunft kann nur durch den tiefen Graben und durch all die Abgründe hindurchführen, die es so weit haben kommen lassen. Trotzdem bleibt es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, schon deshalb, weil nach wie vor die meisten Übergriffe im sozialen Nahbereich, also in Familien- und Freundeskreisen stattfinden.
Kinder und Jugendliche aber, die außerhalb dieses Nahbereiches sichere Orte finden, in denen sie ernst genommen werden und lernen können, was es bedeutet, Grenzen zu setzen, lernen dann nicht nur für ihre Pfadfinderkarriere, sondern für das ganze Leben. Und vielleicht werden sie zu den Erwachsenen, die an einer neuen Kultur der Achtsamkeit mitgestalten können, die in die Gesellschaft ausstrahlt.
Das Ziel ist groß und der Weg weit. Und gerade deshalb glaube ich, dass jeder Schritt in die richtige Richtung unerlässlich ist. Sophie Brand
