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Vielfalt mit Risiken und Nebenwirkungen

Der Weltanschauungsbeauftragte des Erzbistums, Hans Markus Horst wirbt für die „Spirituelle Apotheke“, ein neues ökumenisches Angebot zu spirituellen Lebenskonzepten, und für ein Kompaktseminar zum gegenwärtigen Markt der Weltanschauungen.       Foto: buc
Der Weltanschauungsbeauftragte des Erzbistums, Hans Markus Horst wirbt für die „Spirituelle Apotheke“, ein neues ökumenisches Angebot zu spirituellen Lebenskonzepten, und für ein Kompaktseminar zum gegenwärtigen Markt der Weltanschauungen. Foto: buc

Bamberg (buc) – Ein Beispiel aus der Berufspraxis von Hans Markus Horst zeigt, wie stark die Globalisierung auch auf den Markt der Weltanschauungen ausstrahlt: Vor kurzem kontaktierte ein Erlanger Ehepaar den Weltanschauungsbeauftragten des Erzbistums. Die Tochter wollte an einem digitalen Coaching-Seminar eines spirituellen Anbieters in Australien teilnehmen, brach dafür ihre Ausbildung ab. Ist der Anbieter seriös oder gefährlich? „Wir versuchen, das zu prüfen und den Leuten qualifizierte Informationen zu geben“, sagt Horst. Meist gelinge das.
Die Globalisierung ist das eine, die religiöse Pluralisierung das andere. „Wir Christen stehen kurz davor, in Deutschland nicht mehr in der Mehrheit zu sein“, so der Theologe. „Das hat Konsequenzen, die man wahrnehmen muss.“ Auf dem Markt der Sinnangebote gebe es problematische Fälle, „da ist es naheliegend, dass ich mich kritisch informiere“. Horst verweist auf zwei kirchliche Angebote: auf die „Spirituelle Apotheke“ und ein Seminar zu Weltanschauungsfragen.
Die Spirituelle Apotheke ist ein bundesweites ökumenisches Projekt, zu dem sich jüngst die Weltanschauungsbeauftragten der Bistümer und Landeskirchen zusammengetan haben. In eher lockerer, lebensnaher Aufmachung finden sich auf einer Homepage Informationen zu unterschiedlichen Sinnangeboten, von Yoga über Esoterik bis hin zu Reichsbürgern oder der berüchtigten QAnon-Bewegung. Die Infos dienen der ersten Orientierung; das augenzwinkernde Motto: Weltanschauliche Vielfalt gibt es nicht immer ohne Risiken und Nebenwirkungen.


Von Yoga bis zur Neureligion
Den Initiatoren kommt es darauf an, Angebote kritisch zu sichten, ohne sich gleich apologetisch abzugrenzen. Beispiel Yoga: „Das kann positive gesundheitliche Wirkungen haben, etwa Stress abbauen, davor warnen wir nicht“, erläutert Horst. Die Frage sei immer: „Wer bietet es an, und welche Ideologie steckt womöglich dahinter?“ Sobald es um andere Gottesvorstellungen oder etwa um Reinkarnation gehe, „muss man sagen: Das kann nicht als christliches Angebot laufen“ – und nicht in kirchlichen Räumen.
In anderen Fällen liegen die Dinge für den Weltanschauungsbeauftragten eindeutig: Scientology etwa („Eine gefährliche Organisation. Ganz klare Abgrenzung“), oder die koreanische Neureligion Shinchonji, die zurzeit versucht, in Deutschland Fuß zu fassen. „Sie treten stark an Kirchen und Freikirchen heran, bieten Zusammenarbeit an“, so Horst, den kürzlich eine katholische Fürther Pfarrei kontaktierte. „Da raten wir dringend ab.“ Shinchonji gibt sich einen christlichen Anstrich, betreibt aggressive Werbung und bringt Menschen in sektenhafte Abhängigkeit.
Mit der Pluralisierung „wächst die Herausforderung, sich spirituellen Sinnangeboten zu stellen“, konstatiert der Theologe. Traditionelle religiöse Lebensweisen würden in unserer offenen Gesellschaft immer stärker verwischt. „Stattdessen sind etwa die Themen Gesundheit und Heilung seit den 1970er Jahren für viele sehr wichtig geworden“, so Horst. Im Zuge „schleichender Esoterisierung unserer Gesellschaft“ seien auch alternative Heilmethoden in den Fokus der Beratungsarbeit gerückt.
Statt sich an wissenschaftliche Fakten zu halten, wendeten sich aktuell viele Menschen Verschwörungstheorien zu, die scheinbar einfach Antworten bereithalten. Als Berater beobachtet Horst dies mit Sorge: „Der Verschwörungsglaube erzeugt Risse, die durch die ganze Familie gehen – zwischen Ehepartnern, Eltern und Kindern, Großeltern und Enkeln“.
Das dreiteilige Kompaktseminar in Nürnberg, zu dem Horst mit seinen Kollegen aus Würzburg und Regensburg ab Mai einlädt, will eine Bestandsaufnahme zum religiösen Sinnsuchermarkt geben. Themen sind unter anderem Esoterik, die neocharismatische Mission sowie Endzeit- und Verschwörungsgläubigkeit, auch Antisemitismus und neuer Atheismus. Zielgruppe sind etwa Menschen, die künftig als ehrenamtliche Ansprechpartner in den Dekanaten tätig sein könnten.
„Unser Anliegen ist es, Aufklärung im religiösen Bereich zu betreiben“, sagt Horst über seine Beratungstätigkeit. Dies vor dem Hintergrund, dass der einzelne Christ die Verantwortung für seine eigene Lebensgestaltung habe, fügt er hinzu. „Die nimmt ihm keine Institution mehr ab. Auch nicht die katholische Kirche.“ Der Theologe verweist auf die Gewissens- und Religionsfreiheit, die das Konzil festschrieb: „Jeder muss sich selbst informieren und orientieren.“

INFO
Näheres unter www.spirituelle-apotheke.de sowie unter
https://weltanschauung.erzbistum-bamberg.de, dort auch Info und Anmeldung zum Kompaktseminar.