Bonn (KNA) – Wachsende Ratlosigkeit über versagende kirchliche Strukturmodelle bietet neue Chancen für Alternativen, meint der Theologe Richard Hartmann. Im katholisch.de-Interview vom Dienstag erklärt der emeritierte Fuldaer Pastoraltheologe, vielerorts sei eine neue Dialogbereitschaft entstanden, wie sie etwa im Reformprozess Synodaler Weg der Kirche in Deutschland sichtbar geworden sei.
Aus seiner Sicht ist bei allen Reformen entscheidend: "Die Kirche muss ihre Sendung neu entdecken." So sollte es bei allem um die Verkündigung des Reiches Gottes gehen. "Und das geht nicht mit einer flächendeckenden Gleichmacherei" wie etwa bei den vielen Umstrukturierungsprozessen in den Bistümern, sondern "durch Menschen, die selbst inspiriert sind und daraus Kirche gestalten", so Hartmann. Entscheidend sollte sein, welche Menschen Glauben glaubwürdig vermitteln.
"Neue Form von Amtlichkeit"
"Gemeinde entsteht nicht dort, wo ein Pfarrer ist", sagt der Theologe; sondern dort, "wo Jesus Christus gegenwärtig ist in den Sakramenten". Das unterstützten vorrangig Priester, doch es brauche eine "andere Form von Amtlichkeit in der Kirche". Er betont: "Je weniger Priester alle Aufgaben allein übernehmen können, desto stärker brauchen andere Menschen eine amtliche Sendung."
Hartmann führt aus, es werde künftig unterschiedliche Formen von Kirche geben müssen. So plädiert er dafür, "Doppelstrukturen" parallel zu den klassischen Pfarreien zu fördern - also beispielsweise Verbände, geistliche Gemeinschaften oder Hochschulgemeinden, die sich neben den klassischen Gemeinden als lebendige Orte kirchlichen Lebens verstehen.
Menschen neu motiviert
Trotz der komplexen Erfordernisse von Veränderung zeigt sich Hartmann optimistisch. In 43 Jahren als Priester habe er viele Konflikte und Veränderungen erlebt, die zuvor kaum vorstellbar schienen. Daher sei er überzeugt: "Der notwendige Perspektivwechsel ist möglich." Doch Hartmann warnt auch: Wesentliche Reformen könnten nur gelingen, wenn sich das Verständnis von Kirche und Amt verändere.
Dialogprozesse hätten das Klima verbessert und viele Menschen neu motiviert. Doch manche kuriale Entscheidungen, wie zuletzt die Zurückweisung der Laienpredigt in der Messe, wirke "eher gegen diesen Geist", so Hartmann.
