
Döringstadt (buc) – Zum ersten Mal überhaupt ist eine Gruppe aus dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, wo Rudolf Lunkenbein (1939-1976) in der Mission für das Volk der Bororo tätig war und vor 50 Jahren ermordet wurde, nach Deutschland gekommen, um den fränkischen Wurzeln des Salesianerpaters zu folgen. Die achtköpfige Delegation, darunter sechs Angehörige der Bororo, besuchte unter anderem seinen Geburtsort Döringstadt bei Bad Staffelstein sowie die Pater-Rudolf-Lunkenbein-Schule im nahegelegenen Ebensfeld, wo der junge „Rudi“ einst selbst die Schulbank gedrückt hatte.
Die Mädchen und Jungen hatten in den vergangenen Wochen unter anderem eine Ausstellung zu Leben und Wirken ihres Namensgebers gestaltet. Mit großem Interesse schauten sich die Gäste aus Lateinamerika zum Auftakt ihres Schulbesuchs die zahlreichen Tafeln an und staunten über die Fülle an Informationen, die die Kinder über Rudolf Lunkenbein, das Volk der Bororo und die soziale und gesellschaftliche Situation in Brasilien zusammengetragen hatten.
Er war ihr Krankenpfleger
Besonders bewegt war Pater João Bosco Maciel, der 1972 gemeinsam mit dem Missionar das Noviziat in Campo Grande besucht hatte und noch heute auf der Missionsstation Meruri tätig ist, wo Lunkenbein viele Jahre tätig war und auch begraben ist. João Bororo kannte ihn gut, er war ein Freund. Er erinnert sich, dass „Rodolfo“, wie er in Brasilien genannt wurde, eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht hatte. Wenn den Salesianer-Mitbrüdern etwas fehlte, gingen sie zu ihm. „Er hat uns immer gut behandelt“, schildert João. In der Ausstellung ist er als Zeitzeuge auf einem Foto selbst zu sehen, denn im diözesanen Seligsprechungsprozess, der 2018 begann, amtierte er als Vizepostulator.
Ein Höhepunkt des Besuchs war die Aufführung eines Theaterstücks über den Märtyrer aus Döringstadt, das Schülerinnen und Schüler in der Pausenhalle der Schule zeigten. Geschrieben hatte es Religionslehrerin Daniela Haas. In den zahlreichen Szenen des Stücks wird der Lebensgang von Rudolf Lunkenbein von kleinen Jungen, der sich brennend für die Mission interessiert, über den jungen Salesianerpater bis zum Leiter der Missionsstation Meruri geschildert, der schließlich gemeinsam mit seinem Freund Simão Bororo durch weiße Großgrundbesitzer im Streit um Land erschossen wird.
Lunkenbein habe Hoffnung und Zuversicht gegen Gewalt gesetzt, heißt es in dem Stück, das auch den 1. Preis eines diözesanen Schulwettbewerbs gewann (Bericht Seite 15). „Daran können wir uns ein Beispiel nehmen.“ Besonders beeindruckend sind die Szenen, in denen die indigenen Bororo und die Missionare um die Ermordeten trauern und Rudolf Lunkenbeins Eltern im fernen Döringstadt die Nachricht von seinem Tod erhalten.
Drei der Gäste aus Brasilien, Misael, Kemelly und Marina, führten im Anschluss einen Tanz der Bororo auf. Gekleidet sind sie dabei in traditionelle Gewänder mit Federschmuck, wie sie noch heute von den Indigenen getragen werden. Sie sind Teil der Kultur der Bororo, die nicht zuletzt durch das Wirken Rudolf Lunkenbeins und anderer vor dem Aussterben bewahrt wurde, aber auch Ausdruck des christlichen Glaubens, den viele Angehörige des Stamms angenommen haben. Die drei Tänzerinnen und Tänzer beließen es indes nicht bei dem Auftritt auf der Bühne, anschließend baten sie alle Schülerinnen und Schüler nach draußen in den Pausenhof, wo unter großem Hallo und mit außerordentlicher Bewegungsfreude gemeinsam der „Tanz der großen Schlange“ aufgeführt wurde.
Autogrammjäger unterwegs
Es war ein bewegendes Ereignis für alle Beteiligten, und die Mädchen und Jungen holten sich als Dank Autogramme von den Gästen. Währenddessen gestaltete der Sozialarbeiter und Künstler Mika Springwald, der die brasilianische Gruppe bei ihrem Besuch begleitete, ein Spraykunstwerk mit Rudolf Lunkenbein und drei Angehörigen der Bororo. Neffe Christian Lunkenbein assistierte Springwald und lud die Besucher anschließend zur Verköstigung ins Geburtshaus von „Onkel Rudi“, das noch heute das Familiendomizil in Döringstadt ist.
Nach einem Besuch der Basilika Vierzehnheiligen, der staunende Blicke ob der Barockkunst in dem Gotteshaus auslöste, und einem Gang auf den Staffelberg mit herrlichem Blick über den „Gottesgarten“, Rudolf Lunkenbeins erster Heimat, folgte am Abend ein Gedenkgottesdienst für den Märtyrer in St. Martin in Döringstadt. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Domkapitular Martin Emge, Leiter des Seelsorgeamts im Erzbistum, der der Feier vorstand, dankte der Delegation aus Mato Grosso, dass sie an jene Orte in Franken gekommen sei, „wo der Rudi daheim ist“. In ihrem Kommen spiegele sich die Liebe, die Rudolf Lunkenbein den Bororo entgegengebracht habe.
Als der Missionar zum ersten Mal nach Meruri gekommen sei, habe er sich „voll Idealismus und Enthusiasmus“ an die Arbeit gemacht, schilderte Emge. Bei seiner Rückkehr nach zwischenzeitlichem Studium und der Priesterweihe 1969 in Deutschland habe er in Brasilien gespürt, „dass die Menschen wie Schafe sind, die keinen Hirten haben“. Erschöpfung habe sich breitgemacht, die weißen Siedler drohten den Bororo ihre Existenzgrundlage zu rauben, so der Bamberger Domkapitular. Rudolf Lunkenbein habe alles auf eine Karte gesetzt und am Ende sein Herz verschenkt.
João Bosco Maciel, der die Messe konzelebrierte, sagte, die Gäste seien mit großer Freude in die Heimat Rudolf Lunkenbeins gekommen. Dieser und Simão Bororo seien „beide Diener Gottes“ gewesen. Rodolfo habe dafür gekämpft, dass die Bororo Land erhielten – und damit Leben. „Denn Land bedeutet Leben.“ In ihrem Martyrium seien sie beide verbunden, João sprach von einer „Allianz des Heils“. Man feiere heute in Verbindung mit dem gesamten Volk der Bororo. In den Fürbitten wurde auch für die Seligsprechung der Märtyrer gebetet: „Schenke ihnen die Ehre der Altäre.“
