
Bad Windsheim (bp) – Keine Pflege ohne gutes Wirtschaften. Was sich wie eine Aussage eines Politikers in der Diskussion um die Krankenhausreform oder eines Geschäftsführers eines Seniorenheims anhört ist keine neue Erkenntnis. „Kein Care ohne gutes Wirtschaften“ war bereits die Vorgabe im Windsheimer Spital. Wie sich aus der Fürsorge mittelalterlicher Spitäler das heutige spezialisierte System an Fürsorgeeinrichtungen entwickeln konnte, das zeigt die Sonderschau „Care – Fürsorge im Mittelalterlichen Spital und Heute“ im Museum Kirche in Franken in Bad Windsheim. Zu sehen noch bis zum 11. Oktober.
2006 als Teil des Fränkischen Freilandmuseums Bad Windsheim entstanden feiert das Museum heuer sein 20-jähriges Bestehen unter anderem mit dieser Ausstellung zum Thema Fürsorge und spannt dabei den Bogen vom Mittelalter über die Professionalisierung im 19. Jahrhundert mit Institutionen wie der Diakonie bis in unsere Zeit, in der Care-Arbeit zu einer gesellschafts-politischen Aufgabe geworden ist. Doch zunächst wird man mitgenommen in die (Hoch-)Zeit der Spitäler, die nicht einfach ein Vorläufer von Krankenhäusern waren. Sie hatten auch etwas von einem Altenheim, Waisenhaus, Armenhaus, Hotel für Pilger, Frauenhaus oder einer „Irrenanstalt“. Sie waren ein wichtiger Teil unserer Sozialgeschichte und standen am Anfang der institutionalisierten Fürsorge. Und das Spital in Windsheim, 1318 von einem Bürger gegründet, war ein Paradebeispiel für die reichsstädtische Spitallandschaft.
Ein Blick auf das Organigramm oder die Pfründebücher zeigt den Ausstellungsbesuchern, dass die Spitäler wie ein Wirtschaftsbetrieb unter Oberaufsicht des Rats geführt wurden. Die Einkünfte des Windsheimer Spitals bestanden aus den Zahlungen und Übereignungen der Pfründner und aus den Naturalienabgaben der dem Spital überschriebenen Höfe, Mühlen, Wälder und Weinberge. Eigenbetriebe wie Brauerei, Kelterhaus oder Schlachthaus erzeugten die Güter zum Eigenbedarf, Überschüsse gingen in den Handel. Zudem vergab das Spital kleinere Kredite und lebte von den Zinsen.
Durch die Gewinne konnte das Spital weiteren Grundbesitz erwerben und erfüllte so gleichzeitig die politischen Interessen des Stadtrates, der im Umland versuchte, ein reichsstädtisches Territorium zu schaffen. Das Stiftungsvermögen liegt heute noch in den Händen der Stadt Bad Windsheim. Bis heute setzt die Hospitalstiftung den Stiftungszweck von 1318 fort in Form eines Alten- und Pflegeheims. Seit 2022 übernimmt die Diakonie die Geschäftsordnung, doch Träger bleibt die Stadt Bad Windsheim. Auch andere Spitäler haben sich zu spezialisierten Fürsorgeeinrichtung aller Art entwickelt – alleine in Mittelfranken in 30 Städten.
Das Leben im Spital war geregelt durch Arbeit und Gebet. Anfangs bestand das Spital nur aus einem Krankensaal mit einer angrenzenden Kapelle. Bereits im 15. Jahrhundert wurde das Spital in seiner heutigen Form – einer Kirche und einem Krankensaal bzw. einem Pfründnerhaus erbaut. Wirtschafts- und Wohngebäude kamen nach und nach hinzu, so dass eine fast vierseitige Anlage entstand.
Die Ausstellung gibt Einblicke, wie Spitäler funktionierten, wie viel Personal einbezogen war oder wie der Alltag der Menschen aussah, die im Spital untergebracht waren und wie sie versorgt wurden. So gab es etwa ein Morgen- und ein Nachtmahl , dazu auch Getränke. Grundlage der Ernährung waren Gerichte aus Getreide und Hülsenfrüchten, wie eine Speisekarte verrät. Dabei war der Speiseplan der Bewohner, des Personals und anderer vom Spital verpflegter Personen streng geordnet, war von sozialen Unterschieden und von religiösen Geboten bestimmt. Aber auch medizinische Erwägungen spielten eine Rolle.
Von der Säkularisierung im 19. Jahrhundert waren auch die Spitäler betroffen, neue Fürsorgeeinrichtungen mussten sich entwickeln. Bis zum Ende des Jahrhunderts hatte sich spezialisierte Aufgabenfelder herausgebildet, darunter etwa die Kinder- und Jugendarbeit, die Behindertenhilfe, Altenfürsorge und Krankenpflege – meist in kirchlicher Trägerschaft. Freie Anbieter kamen Mitte des 20. Jahrhunderts hinzu.
Die Sonderausstellung spannt einen Bogen zu Heute und wirft auch einen Blick auf unbezahlte Care-Arbeit und deren ungleiche strukturelle Verteilung, etwa von Kindererziehung oder der Pflege von Angehörigen. Neben der Kostenexplosion bleibt der Personalmangel vor allem im Pflegebereich eine der größten Herausforderungen der Care-Arbeit. An einer Wand ist genügend Raum eigene Ideen und Gedanken zum Thema auf bereitliegenden Karten zu schreiben und aufzuhängen. Schließlich ist Care-Arbeit ein Bereich, den jeder betrifft. Sei es Kind, als Eltern, als Kranker, Pflegender Angehöriger oder Senior.
Die Ausstellung erinnert also auch daran, dass Care-Arbeit nichts Selbstverständliches ist. Wie wertvoll Care-Arbeit für eine menschliche Gesellschaft war und ist. Brigitte Pich
