Vatikanstadt (KNA) – "Eminenz, wird es unter Leo XIV. endlich wieder Deutsche in führender Stellung im Vatikan geben?" Nachdenklich zieht der Kurienkardinal an seiner Zigarre und schüttelt dann brüsk den Kopf. "Beim aktuellen Zustand der Kirche und der Theologie in Deutschland ist das schwer vorstellbar", so die klare Meinung des erfahrenen Kirchenmanns zur Frage, ob der Papst in seiner Sommerpause wohl auch über deutschen Vatikan-Personalien brütet.
Früher waren Deutsche in Rom eine wichtige Größe. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) waren deutsche Bischöfe und Theologen tonangebend. Unter Johannes Paul II. (1978-2005) wurden vier deutsche Kardinäle Behördenleiter. Der wichtigste von ihnen, Joseph Ratzinger, wurde 2005 selber Papst.
Seit Jahren kein deutscher Präfekt mehr
Unter dessen Nachfolger Franziskus hielten sich noch einige Jahre Gerhard Ludwig Müller als Glaubenspräfekt und Erzbischof Gänswein als Präfekt des Päpstlichen Hauses. Doch wurde kein Deutscher mehr in eine vergleichbar prominente Position berufen. Den zurückgetretenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst machte Franziskus zum Delegaten in der Behörde für Evangelisierung. Die Stelle füllt er seit 2015 aktiv aus, ansonsten lebt er in Räumen der deutschsprachigen Gemeinde Santa Maria dell'Anima und feiert dort Gottesdienste.
Eine nachgeordnete Stelle hat auch der deutsche Kirchenrechts-Professor Markus Graulich. Er ist Untersekretär im Dikasterium für die Gesetzestexte. Diese Funktion ist wichtig, etwa wenn es um die rechtliche Einordnung von Reformideen des deutschen Synodalen Wegs geht, aber eine Führungsrolle ist es nicht.
Deutsche Kurienkardinäle im Ruhestand
Eine solche hat auch keiner der in Rom lebenden deutschen Kurienkardinäle mehr inne. Kardinal Walter Kasper (93), unter Franziskus noch als wichtiger Papst-Ratgeber gefragt, ist nur selten in der Öffentlichkeit präsent. Zuletzt machte er mit Kritik an den theologischen Qualitäten des deutschen Synodalen Wegs Schlagzeilen.
Diese Sicht teilt er mit dem noch älteren Kardinal Walter Brandmüller (97), der die Vorgänge in Deutschland und im Vatikan in altersweiser Distanz betrachtet, sich aber nur selten öffentlich äußert. Dem letzten Konsistorium der Kardinäle blieb der langjährige Franziskus-Kritiker fern.
Kardinal Müller forscht und schreibt
Der dritte deutsche Kurienkardinal, Gerhard Ludwig Müller, ist mit seinen 78 Jahren noch sehr viel präsenter. In der Debatte um die Bischofsweihen der Piusbruderschaft wurde er in Medien oft zitiert, und auch beim Konsistorium Ende Juni meldete er sich vernehmbar zu Wort. Für eine Rückkehr in eine Spitzenposition, aus der Franziskus ihn 2017 durch Nicht-Verlängerung entließ, ist Müller allerdings inzwischen zu alt.
Im Ruhestand sieht er selbst sich dennoch nicht. 2023 veröffentlichte er das Buch "In buona fede" über den Glauben im 21. Jahrhundert. Zudem arbeitet er an einem Grundsatzwerk über die spätantike Irrlehre der Gnosis, die bis heute in der Kirche nachwirkt. Den Auftrag hatte ihm 2022 Papst Franziskus erteilt, der Müllers theologische Expertise trotz mancher Divergenzen schätzte.
Der letzte immerhin deutschsprachige Kardinal in einem vatikanischen Spitzenamt ist ein Schweizer. Kurt Koch (76)leitet seit 16 Jahren die Ökumene-Behörde des Papstes und spricht in Deutschland oft vor konservativen Zuhörern. Über seine mögliche Ablösung wurde schon 2025 spekuliert, doch Koch blieb. Der bekannteste Deutsche in Kochs Behörde, der ab 2002 für die Beziehungen zum Judentum zuständige Salesianerpater Norbert Hofmann, kehrte unlängst als Seelsorger in die fränkische Heimat zurück.
Wer in Rom das Deutschlandbild zeichnet
Zwei Deutsche und ein Niederländer sind derzeit die wichtigsten Köpfe des Vatikans, wenn es darum geht, dem Papst und seinem engsten Kreis ein Bild von der katholischen Kirche in Deutschland zu vermitteln. Der Niederländer ist der neue Papstbotschafter in Berlin, Hubertus van Megen; die beiden Deutschen, die Geistlichen Johannes Palus und Marco Schrage, arbeiten in der deutschsprachigen Abteilung des Staatssekretariats.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die drei - mit unterschiedlichen Schattierungen - die Reformideen des deutschen Synodalen Wegs kritisch bis sehr kritisch sehen. Da unterscheiden sie sich wenig von den derzeit noch in Rom verbliebenen deutschen Kardinälen.
