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So blicken Kirche und Militär auf Deutschlands zukünftigen Wehrdienst

München (KNA) – "Der Optimismus, dass wir als Menschheit den Krieg verlernen würden, ist einer gewissen Ernüchterung gewichen": So beschreibt der evangelische Friedensethiker Martin Tontsch die Verunsicherung nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Auch unter pazifistisch eingestellten Menschen habe der Krieg zu einer gewissen Ratlosigkeit geführt.

 

Zugleich wachse die Einsicht, dass Deutschland für den Ernstfall besser gerüstet sein müsse, sagt Tontsch. Einen personellen Aufwuchs und eine bessere Ausstattung der Bundeswehr stelle er deshalb - wie ein Großteil der evangelischen Kirche - nicht infrage.

 

Die politische Antwort auf die veränderte Sicherheitslage ist bereits formuliert: Die Bundesregierung will die Bundeswehr personell stärken. Der Aufbau soll zunächst über einen freiwilligen Wehrdienst erfolgen. Bis 2035 soll die Zahl der aktiven Soldatinnen und Soldaten auf 260.000 steigen; hinzu kommen 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Ob sich diese Ziele ohne eine Reaktivierung der seit 2011 ausgesetzten Wehrpflicht erreichen lassen, wird kontrovers debattiert.

 

Verteidigungsbereitschaft beginnt im Kopf

 

Für den Reserveoffizier und Autor David Matei darf sich die Diskussion indes nicht auf Personal, Waffen und Finanzen beschränken. Es gehe letztlich um die Frage, ob eine Gesellschaft noch wisse, warum sie überhaupt verteidigungsbereit sein müsse. "Weil wir damit aufgewachsen sind, weil wir gar nichts anderes kennen, übersehen wir schnell, wie wertvoll Freiheit ist", schreibt Matei in seinem gemeinsam mit Simon Biallowons veröffentlichten Buch "Deutschland ist es wert".

 

Als Beispiel nennt er die Bildung: "In diesem Land kann meine Tochter vom Kindergarten bis zum Studium fast kostenlos lernen - und zwar nicht, was sie denken muss, sondern, was sie denken will." Deutschland sei für ihn trotz aller Probleme verteidigenswert - nicht wegen seiner Fehlerlosigkeit, sondern wegen seiner freiheitlichen Ordnung.

 

Wofür soll man kämpfen - oder gar sterben?

 

"Ich habe nicht geschworen, für den perfekten Sozialstaat zu sterben, sondern das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen", betont Matei, der 15 Jahre in der Bundeswehr diente und heute Hauptmann der Reserve ist. Entscheidend seien für ihn der Mensch und die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren Schwächsten umgehe - gerade mit jenen, die sich im Ernstfall nicht einfach in Sicherheit bringen könnten.

 

Abschreckung sei für ihn ebenfalls nicht nur eine militärische, sondern auch eine gesellschaftliche Frage. "Es sendet Signale an Russland, wenn Leute sagen: ,Unser Land ist es nicht wert, dass ich kämpfe' oder sie im Angriffsfall lieber fliehen oder unter fremder Herrschaft leben würden", sagt Matei.

 

Das Land verteidigen trotz Missständen

 

Für Martin Tontsch steht eine andere Frage im Mittelpunkt. Zwar stellt auch der evangelische Pfarrer von der Arbeitsstelle Kokon für konstruktive Konfliktbearbeitung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern einen personellen Aufwuchs der Bundeswehr nicht infrage. Doch dabei dürfe die Gewissensfrage nicht in den Hintergrund geraten.

 

Viele Menschen zweifelten wegen gesellschaftlicher Missstände an der Verteidigungswürdigkeit Deutschlands, erklärt der Pfarrer. Diese Zweifel dürften nicht vorschnell abgetan werden. "In unseren Veranstaltungen sprechen wir bewusst darüber, wo in Deutschland Dinge ungerecht und unfriedlich laufen - aber auch über den Vergleich zu autoritären Staaten, in denen viele Missstände gar nicht bekannt werden", berichtet Tontsch.

 

Gewissensentscheidung statt Automatismus

 

Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes garantiert, dass niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe verpflichtet werden darf. In der kirchlichen Beratungspraxis gehe es deshalb darum, junge Menschen für diese persönliche Entscheidung zu sensibilisieren - gerade in einer Situation ohne klassische Wehrpflicht.

 

"Dabei kann sowohl die Entscheidung für den Wehrdienst als auch die Kriegsdienstverweigerung eine verantwortete Gewissensentscheidung sein", betont Tontsch. Die Beratung solle jedoch auch klären, ob tatsächlich zwingende Gewissensgründe vorliegen - oder lediglich fehlende Bereitschaft. Ein langjähriger KDV-Berater habe dies einmal zugespitzt formuliert: "Du musst, wenn du kannst."

 

Kirchliche Beratungsstellen helfen

 

Ziel der kirchlichen Beratung sei es nicht, junge Menschen in eine bestimmte Richtung zu drängen, sondern sie zu einer bewussten Entscheidung zu befähigen. "Wir wollen die Menschen auch aus der Passivität herausholen - weg von der Haltung, nur das eigene Ding zu machen, hin zur Frage, welchen Beitrag man in der komplexen Weltlage leisten kann", sagt Tontsch.

 

An diesem Punkt treffen sich die Gedanken von David Matei und Martin Tontsch. Der Reserveoffizier blickt auf die Verteidigungsbereitschaft der Gesellschaft, Tontsch auf die Gewissensentscheidung des Einzelnen. Beide sind überzeugt: Verteidigungsfähigkeit beginnt nicht erst bei Waffen oder Gesetzen, sondern bei der Bereitschaft des Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen.