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Zwei Konfessionen, ein Religionsunterricht - Wie eine Lehrerin sich auf das neue Fach vorbereitet

Hildesheim (KNA) – Katharina Barthold-Knegendorf wischt über ihr Tablet. Auf dem Bildschirm ist der neue Lehrplan für das Fach "Christliche Religion" geöffnet. Seit Wochen beschäftigt sich die katholische Religionslehrerin am Scharnhorstgymnasium in Hildesheim mit dem neuen Unterrichtsfach, das in Niedersachsen nach den Sommerferien schrittweise den bisherigen evangelischen und katholischen Religionsunterricht ablösen soll.

 

Für die Schüler wird sich dabei manches ändern - allerdings weniger die Themen als die Herangehensweise. Freundschaft, Identität, Gemeinschaft oder das Vaterunser bleiben Bestandteile des Unterrichts. Künftig sollen jedoch stärker die Fragen und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen den Ausgangspunkt bilden. Außerdem werden christliche Inhalte häufiger mit jüdischen, muslimischen und anderen religiösen Perspektiven verknüpft.

 

Niedersachsen als Vorreiter

 

"Über die Einführung habe ich mich gefreut, weil ich glaube, dass das der richtige Schritt ist", sagt Barthold-Knegendorf. An ihrer Schule wird bereits seit Jahren konfessionell-kooperativer Religionsunterricht erteilt. Dabei lernen evangelische und katholische Schüler zwar gemeinsam; verantwortet wird der Unterricht aber jeweils entweder von der evangelischen oder der katholischen Kirche. Die Erfahrungen seien durchweg positiv, so die 35-Jährige.

 

Nun geht Niedersachsen als erstes Bundesland einen Schritt weiter: Zum Schuljahr 2026/27 startet zunächst in den Klassen eins und fünf das neue Fach "Christliche Religion". Entwickelt wurde es gemeinsam vom Land, den evangelischen Landeskirchen und den katholischen Bistümern. Erstmals gibt es damit einen gemeinsamen Lehrplan für den Religionsunterricht beider Konfessionen.

 

Konfessionen verlieren an Gewicht

 

Es soll ein bekenntnisgebundener Religionsunterricht nach dem Grundgesetz bleiben. Er soll aber stärker ökumenisch, dialogisch und an der Lebenswelt junger Menschen ausgerichtet sein. Niedersachsen reagiert damit auf sinkende Kirchenmitgliedszahlen sowie auf die wachsende religiöse und weltanschauliche Vielfalt an den Schulen.

 

"Wir erleben unter unseren Schülern, dass es gar kein Bewusstsein mehr für Konfessionalität gibt", sagt Barthold-Knegendorf. Zwar wähle an ihrer Schule weiterhin die die Mehrheit der Schüler Religion, eine Minderheit besuche das weltanschaulich neutrale Fach "Werte und Normen". Ob katholisch oder evangelisch - das spiele für die meisten kaum eine Rolle. Der gemeinsame christliche Religionsunterricht passe deshalb gut zur Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler.

 

Lehrplan beginnt bei Fragen der Kinder

 

Der neue Lehrplan will konsequent von den Fragen und Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen ausgehen. "Da wird ganz viel Fingerspitzengefühl notwendig sein", sagt Barthold-Knegendorf. Es gehe darum, tatsächlich die Fragen der Schülerinnen und Schüler herauszufinden - und nicht die Fragen zu behandeln, von denen Erwachsene glaubten, Jugendliche müssten sie haben.

 

Wie sich das im Unterricht zeigen kann, beschreibt sie an einem Beispiel: Zu Beginn eines neuen Schuljahres füllen die Kinder zunächst einen Steckbrief über sich selbst aus: Hobbys, Familie, Interessen. "Wer bin ich? Wo komme ich her? Was bringe ich mit?" Erst von diesen Fragen aus führt der Unterricht zu Themen wie Identität oder der Vorstellung vom Menschen als Geschöpf Gottes.

 

Judentum und Islam werden stärker einbezogen

 

Neu ist, dass andere Religionen nicht mehr als ein separater Themenblock behandelt werden. Vielmehr sollen christliche Themen immer wieder im Laufe des Schuljahres mit jüdischen, muslimischen und anderen religiösen Perspektiven verknüpft werden.

 

So soll etwa das Vaterunser mit dem Kaddisch, einem der wichtigsten Gebete des Judentums, und mit der ersten Sure des Korans verglichen werden. Diese interreligiösen Bezüge herzustellen, ist aus Sicht der Lehrerin eine große Herausforderung. "Da wird sich zeigen, wie das funktioniert", sagt sie.

 

Unterschiede als Chance

 

Konfessionelle Unterschiede sollen im Unterricht weiterhin ihren Platz haben. Als Katholikin werde sie etwa Themen wie die Eucharistie oder die Marienverehrung aus ihrer eigenen Glaubenstradition heraus vermitteln, sagt Barthold-Knegendorf. Zugleich wolle sie erläutern, warum evangelische Christen diese Punkte anders beurteilen. "Unterschiede haben wir immer schon thematisiert", sagt sie. "Das ist kein Problem, sondern eher eine Chance."

 

Für Barthold-Knegendorf ist Religionsunterricht mehr als Wissensvermittlung. Er solle Orientierung geben und Schülerinnen und Schüler ernst nehmen. "Wo komme ich her? Wo will ich hin? Was passiert nach dem Tod?" Solche Fragen beschäftigten junge Menschen auch heute.

 

Religion als Beitrag zur Persönlichkeit

 

Dass das Fach Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft gelegentlich infrage gestellt wird, kann sie deshalb nicht nachvollziehen. "Der Religionsunterricht ist ein Beitrag zur Persönlichkeitsbildung und auch zur Demokratiebildung." Entscheidend sei, dass Lehrkräfte authentisch vermittelten, wofür sie selbst stehen.

 

Was ihre Schüler aus dem neuen Unterricht einmal mitnehmen sollen? Barthold-Knegendorf muss nicht lange überlegen: "Dass Religionsunterricht etwas mit ihnen zu tun hat, dass er sie etwas angeht und alltagsrelevant ist."