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Nur kein Hype um die Marienerscheinungen von Marpingen

Marpingen (KNA) – Maria kam nur bis zum Rand des Härtelwaldes. Dort stellte sich ihr das preußische Heer entgegen. Mit Preußens Glanz vielleicht, aber ohne Gloria ließen die Behörden den Wald räumen, bevor der Pilgerstrom noch weiter anzuschwellen drohte. War es eine Lektion von Lourdes, wo dem Erbfeind Frankreich die Sache 1858 bald über den Kopf gewachsen war? Oder von Pontmain, wo Maria 1871 ein paar Kindern zugesagt hatte, dass das Elend des Deutsch-Französischen Krieges sehr bald ein Ende haben werde?

 

Mit dieser Maria und den frommen Volksaufläufen, die sie auslöste, hatte das protestantische Preußen so gar nichts zu schaffen. Das militärische Vorgehen in Marpingen vor 150 Jahren, im Juli 1876, ist ein Unikat im Umgang mit dem Phänomen Marienerscheinungen. Der britische Historiker David Blackbourn (76), der die fast vergessene Geschichte des verhinderten "deutschen Lourdes" 1997 wieder aus dem Schatten der Vergangenheit holte, nennt die preußischen Aktionen von damals gar "rachsüchtig und lachhaft".

 

Was war geschehen? In Marpingen im Saarland, einem Ort mit heute 5.600 Einwohnern, hatten am 3. Juli 1876 drei Kinder von Marienerscheinungen berichtet und damit binnen einer Woche Tausende Neugierige und fromme Beter in den Härtelwald gezogen. Die preußischen Befehlsketten vor Ort waren offenbar löchrig, und als die lokalen Beamten das Heer verständigten, ging alles hastig und schnell, allzu schnell.

 

Erst verprügeln, dann sattessen

 

Am Abend des 13. Juli rückten rund 80 Soldaten des Rheinischen Infanterie-Regiments Nr. 4 von Saarlouis an, um den Wald gewaltsam zu räumen. Nach unterschiedlichen Angaben wurden zwischen 1.500 und 4.000 Anwesende des Platzes verwiesen. 60 Personen beklagten sich später über Schläge mit dem Gewehrkolben; sogar einige Bajonettstöße soll es gegeben haben. Hinzu kamen allerlei Schläge und Handgreiflichkeiten. Soldaten wurden bei Dorfbewohnern einquartiert, inklusive Beschlagnahmung von Lebensmitteln und Wein.

 

Aus den Akten geht hervor, dass die Behörden den Initiatoren der vermeintlichen Erscheinungen Betrug einer "leichtgläubigen Bevölkerung" vorwarfen. Ziel sei gewesen, Kranken gegen Opfergelder mögliche Heilung vorzugaukeln. Jeder weitere Auflauf im Härtelwald werde mit einem erneuten Militäreinsatz auseinandergetrieben.

 

Sozialhistoriker sehen Marienerscheinungen heute häufig in zeitlichem Zusammenhang mit Wirtschaftskrisen: Hungersnöten, Cholera, Missernten. Eine Häufung gebe es in den 1850er bis 1870er Jahren, im Ersten Weltkrieg oder um das Krisenjahr 1933. Und das Saarland war damals eine arme Gegend.

 

Viele Menschen zogen fort, um sich anderswo eine bessere Zukunft zu suchen. Aus dem 13 Kilometer von Marpingen entfernten Theley siedelte etwa eine Familie nach Brasilien über, zu deren Nachkommen heute einer der einflussreichsten Männer der Weltkirche gehört: Kardinal Odilo Scherer (76), Erzbischof von São Paulo.

 

Das Schema von Lourdes

 

Der Historiker Blackbourn sieht im Pyrenäendorf Lourdes, wo der Schafhirtin Bernadette Soubirous 1858 insgesamt 18 mal die "Unbefleckte Empfängnis" erschienen sein soll, eine Art Schema für nachfolgende Marienerscheinungen: eine einfältige Seherin aus dem Volk, geprägt durch Armut, Krankheit oder Vernachlässigung und rohe Behandlung durch Eltern oder Umwelt; Mitteilung einer frommen Botschaft, Heilwasser und Bau eines Heiligtums ("Quelle und Kapelle"); Ablehnung durch Pfarrer und Zivilbehörden, Berichte von Wunderheilungen und schließlich offizieller kirchlicher Kult.

 

Erste Berichte über Marienerscheinungen gibt es schon im frühen Christentum: Im Jahr 41 soll Maria dem heiligen Jakobus auf einer Säule erschienen sein. Das Mittelalter hindurch blieb der typische Marien-Visionär männlich, erwachsen, zumeist Kleriker. Erst spät setzte sich ein anderes Erscheinungsbild durch: Mädchen aus dem einfachen Volk sind nun die "Auserwählten", Hirten zumeist, der Ort einsam gelegen in Wald und Flur. Beispiele sind das Alpendorf La Salette 1846, Lourdes 1858 - oder eben Marpingen 1876.

 

"Marien-Schau" per Diktiergerät

 

Obwohl Blackbourn Marpingen 1997 als erklärbares soziales Phänomen der Kulturkampfzeit entzauberte, fanden sich 1999 plötzlich drei neue "Seherinnen" aus der Umgegend. Wie die Seherkinder von 1876 hatten auch die drei neuen verteilte Rollen: Hausfrau Marion, damals 30, konnte Maria sehen; die angehende Musikpädagogin Christine, 24, konnte sie hören, und Justizgehilfin Judith, 35, von beidem ein bisschen.

 

Judith referierte die "Marien-Schau" per Diktiergerät. Die Aufnahme wurde dann, nachdem die Muttergottes vermeintlich "mit dem Lichtstrahl" verschwunden war, den wartenden Gläubigen über Lautsprecher vorgespielt.

Und die Botschaften der Gottesmutter? Die seien nicht so, "dass man sie eigens dafür aus dem Himmel bemühen müsste", urteilte 1999 etwa der Saarbrücker Religionswissenschaftler Karl-Heinz Ohlig (1938-2024). Auch der Dogmatiker Wolfgang Beinert (93), einer der profiliertesten Marienwissenschaftler Deutschlands, nannte sie "furchtbar vage und theologisch banal". Sie klängen "sonstigen fundamentalistischen Aussagen verzweifelt ähnlich".

 

Wichtig: Dem Papst gehorsam sein

 

Marion und Judith sahen weiße Tauben und Engel. Maria, in klassischer himmelblauer Kleidung und Strahlenkranz, forderte auf, den Rosenkranz zu beten, die "wichtigste Waffe gegen den Widersacher". Wichtig war auch Gehorsam gegenüber dem Papst. "Er ist mein Papst! Verhöhnt ihn nicht, zweifelt nicht seine Entscheidungen an; er steht im Dienst des Himmels."

 

Die Begeisterung über solcherlei Botschaften in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, so Beinert, sei ein Phänomen der Massenpsychologie. Eigentlich passiere nichts, und doch gerieten die Leute in Ekstase. "Des Kaisers neue Kleider" sei "ein altes Muster, das man auch bei Rockkonzerten beobachten" könne. Und das Gottesbild, das hinter solchen Botschaften steht? - Gott habe es nicht nötig, so Beinert, durch ständige Eingriffe solcher Art "Reparaturen an seiner eigenen Schöpfung" vorzunehmen.

 

"Direktschaltung zum Himmel"

 

Auch 1999 wurde nichts aus dem "deutschen Lourdes": Der damalige Trierer Bischof Hermann Josef Spital ordnete eine gründliche Prüfung an und verbot, von "Erscheinungen" und "Seherinnen" zu sprechen. Er nannte sie kühl die "Vorgänge im Härtelwald".

 

Bei allem Respekt vor Zeichen und Wundern entspreche "ein überstarkes Verlangen nach außergewöhnlichen Bezeugungen (...) nicht der gesunden kirchlichen Frömmigkeit". 2005 erklärte Spitals Nachfolger in Trier, Bischof Reinhard Marx, es stehe "nicht fest, dass den Ereignissen in Marpingen (...) ein übernatürlicher Charakter zukommt".

 

Wo in Lourdes seit 1858 mehr als 30.000 unerklärte Heilungen aktenkundig sind, sind es in Marpingen: null. "Zuerst müsst ihr beten, dann kann ich Wunder tun", ließ Maria dazu wissen. Lourdes-Wasser ist bis heute gefragt - man sagt, es habe magische Kräfte. Im Härtelwald dagegen wurden damals gar die Hähne abgeschraubt. Die Koloniezahl der Keime war nach Angaben des Gesundheitsamtes Sankt Wendel zehnmal höher als der Grenzwert der Trinkwasserverordnung. Die Bundeswehr musste aber nicht ausrücken.