Tulln (KNA) - Eine Krebsdiagnose, der Verlust eines Kindes oder die Nachricht, dass eine Krankheit nicht mehr heilbar ist: Für viele Menschen wird ein Krankenhausaufenthalt zur existenziellen Ausnahmesituation. "Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg", sagt Helma Wachter, Seelsorgerin am Universitätsklinikum im österreichischen Tulln. Ihre Aufgabe sei es nicht, Antworten oder Lösungen zu liefern. Vielmehr gehe es darum, für die Patienten da zu sein und schwere Situationen mit ihnen auszuhalten.
Dass die katholische Krankenhausseelsorge - wie in Tulln - zum Klinikalltag gehört, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Distanz vieler Menschen zur Kirche wächst, die Diözesen stehen unter Spardruck. Gleichzeitig hätten viele noch immer ein traditionelles Bild von Seelsorge, sagt Wachter. "Sie erwarten einen Pfarrer, der die Kommunion bringt." Mit ihren roten Haaren und Tätowierungen durchbricht die Theologin solche Vorstellungen bereits auf den ersten Blick.
Gespräche am Krankenbett
Wie das Gespräch am Krankenbett zustande kommt, lässt sich kaum planen. Ein Familienfoto auf dem Nachtkästchen, ein Blumenstrauß auf der Fensterbank oder ein Buch neben dem Bett können zum Einstieg werden. Nicht selten beginnen Menschen dann, von ihrem Leben, ihren Verlusten und Hoffnungen zu erzählen. Manchmal wollten Patienten jedoch keinen Kontakt. "Ich dränge mich nicht auf", sagt Wachter.
Häufig werde sie mit Enttäuschung über die katholische Kirche konfrontiert. Dann gehe es nicht darum, die Institution zu verteidigen. "Ich höre zu und nehme die Erfahrungen meines Gegenübers ernst", sagt Wachter. Wer sich in seinem Schmerz wahrgenommen fühle, finde oft erst dadurch die Bereitschaft, sich auf ein Gespräch einzulassen. Die konfessionelle Zugehörigkeit spiele in der täglichen Arbeit ohnehin eine untergeordnete Rolle.
"Ich besuche Menschen, nicht Konfessionen", sagt auch ihre Kollegin Maria Anna Hirsch. Wer es wünsche, könne religiöse Unterstützung erhalten. Gerade in Krisensituationen gewinne der Glaube für manche Menschen wieder an Bedeutung. "Die Seelsorge versteht sich dabei immer als Angebot - nicht als Missionierung", betont Hirsch.
Das Seelsorge-Team als Klagemauer
Ihre Rolle beschreibt Hirsch so: "Ich habe keinen Zeitdruck, und ich will nichts Bestimmtes." Darin liege ein wesentlicher Unterschied zur Psychotherapie. Während Psychologen mit Diagnosen und Therapiezielen arbeiteten, gehe es ihr vor allem darum, wahrzunehmen, was einen Menschen gerade beschäftigt.
Als Konkurrenz zu psychologischen oder psychiatrischen Angeboten verstehen die Mitarbeitenden ihre Besuche nicht. "Wir sind eher die Klagemauer, der ruhende Pol", sagt Johann Wachter, der das Team ehrenamtlich unterstützt. Sie begegneten denselben Menschen wie die Ärzte, Pflegekräfte und Psychologen - aber mit einem anderen Auftrag.
Spirituelle Bedürfnisse gerieten im Klinikalltag oft aus dem Blick, meint Wachter. Darin zeige sich eine grundsätzliche Entwicklung: Während das Gesundheitswesen immer stärker spezialisiert werde, hätten Fragen nach Sinn, Hoffnung oder dem Umgang mit Leid oft keinen festen Platz mehr.
Sinnfragen in der Klinik
Wachter verweist auf das Konzept der "Spiritual Care". Es geht davon aus, dass Menschen nicht nur körperliche und psychische, sondern auch spirituelle Bedürfnisse haben - unabhängig davon, ob sie religiös sind oder nicht. "Der Mensch hat eine Sehnsucht, sein Leben zu deuten", sagt Johann Wachter. Krankheit, Verlust und Krisen ließen solche Fragen oft aufbrechen. Darauf einzugehen, sei nicht allein Aufgabe der Seelsorge, sondern aller Berufsgruppen, die Menschen im Krankenhaus begleiten.
Der Wert dieser Arbeit lässt sich schwer ermessen. Statistiken führen die Mitarbeitenden nicht. Helma Wachter erinnert sich an eine Frau, die sie nach einer sogenannten stillen Geburt begleitet hatte - das Kind war also gestorben. Monate später trafen sich beide zufällig vor der Krankenhauskapelle wieder. Die Frau war erneut schwanger und wünschte sich, dass Wachter sie auch bei der Geburt dieses Kindes begleitet. Solche Begegnungen seien die Momente, in denen sie spüre, dass ihre Arbeit etwas bewirke.
Seelsorge-Angebot vor unklarer Zukunft
Die Zukunft der Krankenhausseelsorge ist ungewiss, auch in Tulln: Der Spardruck in den Diözesen sei groß. Ihre besondere Stärke sehen die Seelsorger jedoch darin, dass die Menschen nicht erst selbst den Weg zur Kirche finden müssen. Im Krankenhaus kommt die Kirche zu ihnen - in einer Phase, in der ihr Leben oft aus den Fugen geraten ist.
