Essen (KNA) - Der frühere Essener Bischof und Kardinal Franz Hengsbach (1910-1991) soll sexualisierte Gewalt gegen mindestens drei minderjährige Mädchen ausgeübt haben. Forschende schätzen die Vorwürfe als plausibel und gut belegt ein. Schlüssig erscheint ihnen außerdem mindestens ein Fall eines sexualisierten Übergriffs gegen einen minderjährigen Jungen.
Diese ersten Zwischenergebnisse legten Sozialwissenschaftler und Historiker am Donnerstag vor. Insgesamt zählten sie 12 Vorwürfe gegen den populären Kirchenmann zwischen den 1950er und 1980er Jahren.
Die Wissenschaftler untersuchten auch Anschuldigungen, Hengsbach habe unterstellte Geistliche niedergemacht und schikaniert. Zudem hätten Menschen unangemessene körperliche Nähe durch den Kardinal erfahren - diese jedoch nicht als sexuell erlebt. Beides - das Schikanieren und die körperliche Nähe - halten die Forschenden für plausibel. Im weiteren Verlauf der Untersuchungen wollen sie auch herausarbeiten, ob Hengsbach Missbrauchstäter unter den Priestern schützte.
Rituelle Gewalt nicht bestätigt
Den Forschenden lagen auch vier Meldungen schwerster sexualisierter, körperlicher und psychischer Gewalt vor, die zum Teil satanisch-rituelle Bezüge aufweisen. Sie fanden jedoch keine Hinweise, die diese Vorwürfe erhärten würden. Mit der sogenannten Rituelle-Gewalt-Theorie hatte sich zuvor schon ein juristisches Gutachten beschäftigt, das diese Anschuldigungen ebenfalls zurückwies.
Bistümer machten Vorwürfe öffentlich
Im September 2023 hatten das Bistum Essen und das Erzbistum Paderborn Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach öffentlich gemacht und Betroffene aufgerufen, sich zu melden. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck bat damals um Entschuldigung für seinen Umgang mit einem ihm bekannten Vorwurf und räumte Fehler ein.
Hengsbach war Weihbischof im Erzbistum Paderborn und ab 1958 der erste Bischof des damals neugegründeten Bistums Essen. Er leitete es bis zu seinem Tod 1991. Bekannt war er bundesweit vor allem für seinen Einsatz für Arbeiter und Bergleute im Ruhrgebiet. Er vertrat zudem eine strenge Sexualmoral.
Forscher interviewten Betroffene
Drei historische und sozialwissenschaftliche Forschungseinrichtungen untersuchen seit Oktober 2024 die Missbrauchsvorwürfe gegen Hengsbach: das Münchner Institut IPP, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und das Berliner Institut Dissens. Am Ende ihrer Arbeit soll eine neue Biografie des Kardinals stehen.
Für ihre nun vorgelegten Zwischenergebnisse werteten die Forschenden Archive und Kirchenakten aus. Darunter waren 12 Fallakten, in denen Hengsbach als Beschuldigter benannt wurde. Zudem führten sie Interviews mit 6 Betroffenen sowie 22 Zeitzeugen und Bistumsverantwortlichen. Der Abschlussbericht soll 2028 veröffentlicht werden.
