Freiburg (KNA) – Die katholischen Theologen Georg Essen und Magnus Striet vermissen ein klares kirchliches Bekenntnis zum demokratischen Rechtsstaat. "Es ist nicht ausgemacht, auf welcher Seite die römisch-katholische Kirche angesichts der heutigen Krise der liberalen Demokratie eigentlich steht", sagte Essen im neuen Gesprächsband "Was vom Westen bleibt" des Herder-Verlags. "Das lehramtliche Demokratiemodell ist das der illiberalen Demokratie."
Die Kirche begründe die Geltung der staatlichen Rechtsordnung religiös und verankere sie in Gott, nicht im Freiheitsbewusstsein der Bürger, erläuterten die Theologen. Laut deutschem Grundgesetz gehe dagegen alle Staatsgewalt vom Volk aus.
"Der Volkssouveränität aber wird von der römisch-katholischen Kirche bis heute die Anerkennung verweigert", monierte Essen. "Darin spiegelt sich der antiliberale Schatten des katholischen Naturrechtsverständnisses." Zu den Aufgaben von Papst Leo XIV. gehöre es, die Frage zu beantworten, auf welcher Seite die Kirche bei der Verteidigung der modernen Freiheitsrechte stehe.
Streit um Abtreibungen
Als Beispiel verwiesen die beiden Theologie-Professoren auf den Streit um das Abtreibungsrecht: Das kirchliche Lehramt nehme das grundrechtlich geschützte Selbstbestimmungsrecht der Frau nicht ernst. Stattdessen gehe es ihm "um die Wesensbestimmung der Frau, die aus dieser Sicht nun einmal darin besteht, Kinder zu bekommen und für deren Erziehung zu sorgen", kritisierte Striet.
"Das kirchliche Lehramt betrachtet den Schwangerschaftskonflikt im Grunde nicht als einen Konflikt, der in fundamentaler Weise immer auch die Persönlichkeitsrechte der Frau tangiert", sagte Essen. "Mir ist keine einzige römisch-katholische Erklärung bekannt, in der der Konfliktfall in diesem Spannungsfeld von kollidierenden Grundrechten mit Blick auf den Würdeanspruch der Frau überhaupt formuliert wird."
Georg Essen ist Professor für Systematische Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Er gehört dort auch der Juristischen Fakultät an. Magnus Striet lehrt als Professor für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Universität Freiburg.
