Bonn (KNA) – Ein Engel schwebt am Himmel, seine Haare sind violett-lockig. Er ruft: „Steh auf und flieh mit Frau und Kind nach Ägypten.“ Er glitzert, fliegt in einer Kachel; neben ihm sind weitere Kacheln, darin Männer, Frauen – und Sprechblasen.
Die Szene von der Warnung des Erzengels Gabriel vor den Kindsmorden durch König Herodes stammt aus einem ungewöhnlichen Buchgenre: einem christlichen Manga. In „Manga Messias“ wird die Geschichte von Geburt, Sterben und Auferstehung Christi im Stil der japanischen Buchtradition erzählt.
Mangas sind eine Art japanischer Comic. Die Bilderserien von meist mehr als 16 Seiten werden – analog zur japanischen Sprache – von „hinten“ nach „vorne“ gelesen. Innerhalb des Genres gibt es viele unterschiedliche Untertypen, etwa den Yonkoma (Vier-Bilder-Comic, bei denen vier Bilder untereinander eine Geschichte ergeben) oder den weit komplexeren Story-Manga.
Populär sind Mangas im deutschsprachigen Raum bereits seit den 1990er Jahren, erklärt der Grazer Religionswissenschaftler Franz Winter. „Manga Messias“ als christlicher Manga wiederum ist 2024 im Herder-Verlag erschienen und geht auf ein Manga zurück, das erstmals 2006 veröffentlicht wurde.
Das Werk ist laut Verlag in vierstelliger Auflage erschienen. „Nach unseren Beobachtungen wird der Titel vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen nachgefragt, mit einer deutlichen Tendenz zu einem jüngeren Kernpublikum im Alter von etwa 9 bis 12 Jahren“, heißt es von Seiten des Verlags.
Der Manga beginnt in Nazareth und endet mit der Aufnahme Jesu in den Himmel. Auf jeder Seite ist unten ein Hinweis auf die Bibelstelle angegeben, mithilfe derer sich das Lesepublikum am Wort Gottes orientieren könne. Die Ästhetik des Mangas ermögliche einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift, wie Winter ausführt: „Das Bild legt natürlich einen anderen Fokus als der Bibeltext“, sagt der Forscher. „Traditionsgeschichtlich kann man die Verarbeitung der göttlichen Geschichte im Manga mit der in Bilderbibeln vergleichen.“
Der Religionswissenschaftler weist darauf hin, dass insbesondere Engel im Manga sehr prominent auftreten. Mit dem Fokus auf die fliegenden Geschöpfe – neben dem Erzengel Gabriel etwa auch Kerubim und Serafim – knüpfe „Manga Messias“ an die japanische Manga-Ästhetik an, in der vergleichbare Wesen auch des öfteren erscheinen: „Auch Dämonen sind ein beliebtes Manga-Motiv, die für die Übertragung der Bibel in das Genre gute Anknüpfungspunkte bieten.“
Auffallend ist in diesem Manga die Darstellung der Pharisäer, die stets mit einer schwarzen Kopfbedeckung auftreten. Winter zufolge gibt es durchaus Kritiker dieser Darstellung der hohen Schriftgelehrten, die diese in dem Manga verzerrt dargestellt sehen. Winter hält dem entgegen, dass die Texte der Bibel eine Ausgangsgrundlage bildeten – und Gestaltungsspielraum böten.
Für die englische Version des Mangas hebt Winter positiv hervor, dass die Verleger aramäisch-jüdische Namen gewählt haben. Jesus heißt in dieser Ausgabe Jeschua, Maria heißt Mirjam. „So stellt man Jesus als Teil seiner jüdischen Umgebung dar.“
Diese Namensverwendung steht auch der Kritik entgegen, die Zugehörigkeit Jesu Christi zur jüdischen Gemeinschaft durch eine starke farbliche Abgrenzung der Pharisäer zu verzerren. In der im Herder-Verlag erschienenen deutschen Ausgabe wurde auf die Verwendung der hebräischen Namen verzichtet. Stattdessen steht dort: „Jesus“ und „Maria“.
Winter geht davon aus, dass das Manga gut bei jenen Menschen ankommt, die ohnehin bereits mit dem Christentum verbunden sind. Zwar gebe es derzeit noch keine Rezeptionsforschung zu speziell diesem Manga. Aber: „Für die westlichen Länder beobachten wir, dass es schwer ist, jemanden, der noch nicht mit Religion in Berührung kam, für den Glauben zu gewinnen.“ Deshalb glaube er nicht, dass man mit dem Manga auch nicht-religiöse Personen aus der Manga-Community erreicht. „Ich lasse mich aber auch vom Gegenteil überzeugen“, ergänzt Winter.
Käme das Manga also womöglich als Material für die Katechese in katholischen Bistümern infrage? Laut dem Erzbistum Köln ist der Einsatz von Mangas in der Katechese grundsätzlich denkbar. Mit ihnen umzugehen, sei aber nur dann sinnvoll, wenn die Inhalte authentisch und mit einem Gespür für das Genre vermittelt werden, heißt es von Seiten des Erzbistums. Um die Frohe Botschaft unter das Volk zu bringen, gibt es jedenfalls ganz unterschiedliche Herangehensweisen und eine große Darstellungsvielfalt – ob in Form von Orgelmusik, einem Rosenkranzgebet oder einem Bild wie dem berühmten „Isenheimer Altar“ im Oberelsass. Wie in „Manga Messias“ ist auch hier die Verkündigungsszene abgebildet. So erscheint „Manga Messias“ als neue künstlerische Ausdrucksform einer vielfältigen modernen christlichen Glaubenskultur.
