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Was hinüber ist und was wir hinübernehmen

„Wir müssen auf irgendeine andere Weise Kirche werden“: Pastoraltheologe Christian Bauer erarbeitet mit den Teilnehmenden, was die Seelsorge mit in die Zukunft nehmen sollte und was über kurz oder lang aufgegeben werden muss. Foto: Bernd Buchner
„Wir müssen auf irgendeine andere Weise Kirche werden“: Pastoraltheologe Christian Bauer erarbeitet mit den Teilnehmenden, was die Seelsorge mit in die Zukunft nehmen sollte und was über kurz oder lang aufgegeben werden muss. Foto: Bernd Buchner

Nürnberg (buc) – Das Wort „hinüber“ ist eines der wunderbar doppeldeutigen Wörter in der deutschen Sprache, wie „lass es“ oder „umfahren“. Hinüber kann bedeuten, dass etwas vorbei und verloren ist, losgelassen werden sollte; oder aber, dass wir es mitnehmen wollen in die Zukunft, eben: hinübernehmen.

Mit diesem Wortspiel leitete der Münsteraner Pastoraltheologe Christian Bauer beim Workshop „Kirche, aber anders? Erkundungen im Land der Zukunft“ im Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH) ins Thema ein. Gut zwei Dutzend Interessierte, Haupt- wie Ehrenamtliche, aus den Seelsorgebereichen des Erzbistums machten sich unter Bauers Anleitung Gedanken über die Seelsorge vor Ort. Deren Zukunft scheint ungewiss, da immer weniger Personal und Gelder vorhanden sind und die Zahl der Kirchenmitglieder rapide sinkt.

 

Auf der Suche nach tragfähigen pastoralen Ideen wollte der aus Würzburg stammende Theologe aber keine fertigen Rezepte oder „Kopiervorlagen“ liefern: „Was geschieht, geschieht vor Ort.“ Allerdings kommt seiner Einschätzung nach niemand im kirchlichen Raum an einer grundlegenden Erkenntnis vorbei: „Wir müssen auf irgendeine andere Weise Kirche werden. Wie bisher geht es nicht weiter.“ Der Prozess der Veränderung hat längst begonnen, da die Zeit der auch gesellschaftlich prägenden Volkskirche vorbei ist und der christliche Glaube zunehmend in die Defensive gerät.

 

Zunächst begaben sich die Teilnehmenden auf Stoffsammlung: Was ist hinüber, verloren? Einige Stimmen: Die Kirchenbindung ist weg, das Grundvertrauen in die Kirche ebenso; kirchliche Verbände brechen weg; der Bezug zu jüngeren Leuten geht verloren; viele Pfarreien haben keinen eigenen Pfarrer mehr; die Corona-Pandemie war ein Bruchpunkt; „die Müdigkeit der Menschen, in Gremien mitzuarbeiten, ist gigantisch“.

 

Und was soll hinübergerettet werden, bleiben? Auch hier einige Stimmen: der geistliche Kern, die Botschaft vom Reich Gottes; die Erreichbarkeit der Kirche für die Menschen; Kinder- und Jugendarbeit, Sozialarbeit, Caritas; eine Grundversorgung an Feiern und Gottesdiensten; der Mut, digitale Räume zu nutzen.

 

Mögliche Wege in die Zukunft und die jeweilige Haltung der handelnden Personen veranschaulichte Bauer sodann in der Erzählung von den Kundschaftern des gelobten Landes (Numeri 13,1-4). Das Volk Israel ist der Sklaverei in Ägypten entkommen und lebt 40 Jahre in der Wüste, ehe das verheißene Land Kanaan, in dem Milch und Honig fließen, erreicht wird. Alle Teilnehmenden des Workshops durften im Wortsinn Stellung beziehen: Wo sehen wir uns als Kirche vor Ort: noch in Ägypten, in der Wüste oder schon im gelobten Land?

 

Gott auf der Straße finden

 

Der nächste Schritt führte aus dem CPH hinaus mitten in die Nürnberger Altstadt. „Explorative Theologie“ nennt Bauer das, eine geistliche Erkundung der vermeintlich ungeistlichen Welt mit der Grundfrage an die beobachtenden Spaziergängerinnen und Spaziergänger: Wo finde ich Gott? Was die Teilnehmenden mitbrachten, Eindrücke, Begegnungen, Fotos, war durchwegs erstaunlich. Die Menschen auf der Straße erscheinen viel freundlicher, entspannter als gedacht, im Trubel sind viele kleine Oasen, Ruhepunkte zu finden.

 

Pastoraltheologe Bauer spricht in diesem Zusammenhang auch von „Lockerungsübungen“, er glaubt, dass die Christen manchmal sehr verkrampft sind, dass es aber für eine spirituelle Grundlegung gar nicht so viel braucht: „Wir sind unheilbar religiös“, zitiert er den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski. Der Münsteraner Forscher nennt Beispiele für „Konversionsflächen“, auch dies ein schön doppeldeutiges Wort – Orte, an denen Kirche auf neue Weise präsent sein kann.

 

St. Maria in Stuttgart etwa bietet sich als Treffpunkt und Veranstaltungsort für die umliegende Wohnbevölkerung an, das Gotteshaus geht einen „dritten Weg“ zwischen Sakralisierung und Profanierung. Weitere Beispiele: Kirche am Würzburger Hubland, im Nordbahnviertel in Wien, in Mannheim-Franklin. Das Motto: „Keine Kirche ohne Sofa.“ Außerdem notwendig: eine Kaffeemaschine, die Bibel, ein Tisch. „Die Kirche wird so klein sein, dass sie wieder in ein Wohnzimmer passt“, so Bauer. So wird die Expedition in die Kirche von morgen zur Rückkehr in ihre Anfänge: Hausgemeinde, Gebetskreis in den eigenen vier Wänden.

 

Zum Schluss der „fliegende Teppich“, ein kommunikatives Experiment. Sieben Teilnehmende stellen sich auf eine Decke, die am Boden ausgebreitet ist. Nun müssen sie die Decke umdrehen, ohne sie zu verlassen. Es braucht Mut, Ideen, Teamgeist, Berührung, auch jemanden mit Ansagen. Sie schaffen es. Geht nicht? Gibt es nicht.