
Bamberg (kem) – Emma* hatte einen schweren Unfall. Panikattacken machten ihr einen normalen Schulalltag nicht möglich. Linus* litt Jahre lang an einer der schwersten Formen von Migräne, die ihn tagelang ausknockte – an den regelmäßigen Besuch einer Schule war nicht zu denken. Und Tina* ist Autistin. Der Besuch von normalem Unterricht führte bei ihr regelmäßig zu Reizüberflutung und Überforderung. Dennoch schafften alle drei ihren Schulabschluss. Zu verdanken haben sie dies einer bayernweiten Einrichtung, die vor 15 Jahren in Bamberg eröffnet wurde – der Flex-Fernschule des Don Bosco Jugendwerks.
2011 war es, als die Flex-Fernschule ihren Betrieb startete – als einzige ihrer Art im Freistaat. „Wir sind auch heute noch die einzige Flex-Fernschule in Bayern, die Jugendlichen abschlussorientiert zum qualifizierenden Haupt- oder Realschulabschluss verhelfen kann“, erklärt Einrichtungsleiterin Ulrike Krauß. Seit dieser Zeit habe sich aber einiges verändert. „Wir haben mit zwei Büros und vier Jugendlichen, die wir unterstützten, angefangen. Heute sind es 125.“
Die Zahlen seien vor allem seit den Corona-Jahren in die Höhe geschossen. Gerade in dieser Zeit traten viele Phobien bei Jugendlichen auf, hinzu kamen gesundheitliche Probleme wie Long Covid oder das Chronisches Fatigue-Syndrom, eine oft unheilbare Krankheit, die mit extremer Erschöpfung und körperlicher Schwäche einhergeht. „All diese Schicksale machen einen normalen Schulalltag nicht möglich. Die Kinder und Jugendlichen brauchen hier eine individuelle Art der Betreuung“, betont Jugendwerk-Bereichsleiterin Katharina Baur.
Doch wie funktioniert eine Beschulung für Jugendliche, die aus den vielfältigsten psychischen oder physischen Gründen nicht am Regelschul-Unterricht teilnehmen können? „Man darf uns nicht mit Home Schooling vor dem Computer vergleichen“, schränkt Ulrike Krauß ein. „Wir betreuen jede Schülerin und jeden Schüler individuell und so, dass es dem Jugendlichen dabei gut geht.“ Das sieht dann so aus: Wenn die Jugendlichen in der Flex-Fernschule angenommen werden, wird zunächst der Leistungsstand erhoben. „Man kann sich nicht vorstellen, wie es für ein Kind ist, das beispielsweise zwei Jahre nicht mehr in der Schule war. Das muss ganz anders betreut werden“, so Krauß. Die Pädagogin bildet gemeinsam mit einer weiteren pädagogischen Kraft sowie sechs Lehrkräften das Team der Flex-Fernschule in Bamberg. Wöchentlich kontaktieren diese die Schülerinnen und Schüler. Jedoch nicht, um mit ihnen Unterricht zu machen, sondern eher für emotionale Betreuung. „Wir fragen sie, wie es ihnen geht und ob der Arbeitsumfang passt. Also, was braucht der junge Mensch, damit er gut arbeiten kann.“
Gearbeitet wird „ganz traditionell“ mit Stift und Papier. „Die Jugendlichen bekommen wöchentlich Lernpost von uns. Diese Aufgaben lösen sie dann innerhalb der Woche und schicken sie an uns zurück. Wir korrigieren und geben dann Rückmeldung“, erklärt Ulrike Krauß. Bei der Post handelt es sich um Aufgabenstellungen in den Haupt- und prüfungsrelevanten Nebenfächern der zwei Schularten. Fächer wie Kunst, Musik oder Religion werden nicht bearbeitet. „Wir konzentrieren uns auf den Stoff, den die Jugendlichen brauchen, um einen Abschluss zu machen.“
Und da ist die Erfolgsquote sehr hoch. „Wenn wir einer Schülerin oder einem Schüler sagen, dass er oder sie bereit für die Prüfung ist, wird diese in den meisten Fällen auch bestanden“, freut sich Ulrike Krauß. Grundvoraussetzung sei aber von Anfang an der Wille, den Schulabschluss auch zu bekommen. Nicht umsonst laute das Motto der Flex-Fernschule auch „Ich will das. Ich kann das.“
Doch was passiert nach dem Abschluss? „Wir haben die verschiedensten Karrieren“, weiß Ulrike Krauß. Manch ein Jugendlicher fand den Weg zurück in die Schule, machte sein Abitur und studierte. Andere bekamen eine Lehrstelle und arbeiten inzwischen. „Daran sieht man, wie wertvoll ein Abschluss für einen jungen Menschen sein kann“, so Krauß. Er gebe Mut und Selbstvertrauen. „Das trägt sie für ihr weiteres Leben.“
(*Namen von der Redaktion geändert)
