
Nürnberg (buc) – Vor zwei Jahren ploppte Anfang April eine spektakuläre Schlagzeile auf vielen Handys auf. „Cannabistum: Neue Weihrauchsorte im Erzbistum Bamberg entwickelt“, hieß es da. Sie solle dazu beitragen, die spirituellen Erfahrungen der Gläubigen auf neue Höhen zu führen. Theologieprofessor Ralf Frisch war begeistert und trug die Idee prompt seinen Studierenden an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg vor: Während der Protestantismus auf Ernüchterung und moralischen Ernst setze, kontere die katholische Kirche mit Berauschung, Entrückung und Ekstase, setze auf die Droge der Transzendenz, lobte er.
Nun, es war der 1. April, und Frisch musste sich abends von seiner Frau aufklären lassen, dass er auf einen gutgemachten Scherz der Erzdiözese hereingefallen war. Das Malheur („O Gott, wie peinlich!“) fand dann immerhin Eingang in eine der Kolumnen, die der Theologe regelmäßig für das bayerische evangelische Sonntagsblatt, die Tageszeitung „Die Welt“ oder andere Printmedien schreibt. Die kleinen Texte sind nun als Buch erschienen, das eine amüsante wie auch provokante Lektüre verspricht und im Titel die Geschichte mit dem berauschenden Aprilscherz führt: „Mehr Opium fürs Volk“.
„Jeder Text den ich schreibe, soll einen kleine Intervention sein“, sagt Frisch im Gespräch mit dem Heinrichsblatt. „Und gerne auch irritieren.“ Er nennt es das Charisma, mit dem ihn sein Schöpfer begabt habe: „durch Provokation ins Denken zu locken und zum Umdenken und Andersdenken zu inspirieren“, heißt es im Vorwort. Tatsächlich bürstet der gebürtige Frankenwälder scheinbar gängige evangelische Haltungen gern gegen den Strich, verweigert sich vielem, was nach Mainstream oder politischer Korrektheit riecht.
So gibt sich der Theologe unverblümt als Freund schöner schneller Autos zu erkennen und preist die Liebe zu Verbrennungsmotoren, was nicht unbedingt im Sinne der Bewahrung der Schöpfung sein mag. Mit seiner eigenen Kirche geht Frisch wenig zimperlich um: Er sieht eine „Kirche von Moralaposteln und Umerziehern“, die Kirchenleitungen seien im Grunde geistlich und theologisch am Ende. In vielen seiner Kolumnen führt der Wissenschaftler harsche Klage gegen den vermeintlichen „Flirt mit dem säkularen Zeitgeist“.
Das ist der ernste Kern der federleicht und lebensnah geschriebenen Texte, die auch Menschen zu erreichen wissen, die es inhaltlich anders sehen. Ralf Frisch will bewusst nicht diplomatisch abgeklärt schreiben, er schätzt die scharfe Spitze, die Pointe. Den Vorwurf, polemisch zu sein, nimmt er gern in Kauf: „Es geht mir immer um die Sache.“ Frisch hält es für eine Kunst, theologisch fundiert und dennoch unterhaltsam zu schreiben.
„Oben-ohne-Theologie“
Für zentral hält Frisch die Gottesfrage, aus seiner Sicht ist das die „größte Baustelle der evangelischen Kirche“. Er bemängelt eine „Oben-ohne-Theologie“, die Gott außen vor lasse, ihn als Störenfried im kirchlichen Getriebe sehe oder bestenfalls als Deko und Zuckerguss. „Aus Angst vor Jenseitsvertröstung macht man Diesseitsvertröstung“, so der Theologe, zu dessen jüngsten Büchern auch eines mit dem Titel „Gott: Ein wenig Theologie für das Anthropozän“ gehört.
Die Auffassung, die evangelische Kirche sitze in einer „Moralfalle“, untermauert Frisch mit der Einschätzung, dass moralische Kommunikation „maximal unbarmherzig“ sei, da sie entweder achte oder ächte und Menschen symbolisch hinrichten könne. Er hält es mit Niklas Luhmann: „Ethik muss lernen, vor Moral zu warnen“. Und das gelte auch für die christliche Verkündigung.
„Wir texten uns zu Tode, und irgendwann wird uns die KI ersetzen“, ist eine weitere Beobachtung des Theologen mit Blick auf seine evangelische Kirche des Wortes. Am römischen Katholizismus schätzt er hingegen die „Andersweltlichkeit“ und den Sinn für das Mystische. Ralf Frisch („Ökumene bedeutet, aus beiden Welten das Beste zu sehen und zu suchen“) ist regelmäßig auch mit katholischen Geistlichen im Austausch.
Doch wie konnte er nur dem „Cannabistum“ Bamberg aufsitzen? Der Theologe gesteht: „Letztlich werde ich gewusst haben, dass es ein Aprilscherz ist, als ich meinen Studenten davon vorschwärmte.“ Doch in der Kolumne sei es natürlich die Pointe gewesen, dass er den Spaß vom Domberg mitmachte und prompt weitertrug.
