
Bamberg (kem) – In seinem Büro hinter seinem Schreibtisch hängt ein Gemälde der Klosteranlage St. Michael. Als Stiftungsreferent der Stadt Bamberg war Bertram Felix mit verantwortlich für die umfassende Sanierung der Kirche und aller Gebäude drumherum. Im Interview mit dem Heinrichsblatt erzählt er, wie gut er inzwischen das Gotteshaus kennt, wie sehr er sich auf die Eröffnung freut und warum er meint, dass die Baustelle unter dem Schutz des Erzengels Michael stand.
Wenn Sie daran denken, dass nun Ende April die Michelskirche öffnet, welche Gefühle kommen da in Ihnen hoch?
Bertram Felix: Bei mir persönlich herrscht wahnsinnige Vorfreude. Es ist wahrscheinlich ähnlich wie bei einer Frau, nur dass es nicht neun Monate sind bis zur Geburt, sondern in dem Fall 13 Jahre waren. Man wartet auf den Moment, das Gesamtkunstwerk in seiner Geschlossenheit zu sehen. Jetzt erstrahlt in neuem alten Glanz etwas, was bisher durch Tausende von Gerüstmetern versteckt war und an dem über 2600 Projektbeteiligte gearbeitet haben. Das entspricht einem mittelgroßen Dorf in Bayern. Drunter fallen Bauarbeiter, Planer, Beamte bei Behörden, Restauratoren oder Untersuchungsbeteiligte. Das ist die Summe an Personen, die zum Gelingen des Projektes im Laufe dieser 13 Jahre notwendig war.
Und da merkt man dann schon, dass das eben keine kleine Baustelle gewesen ist und man erahnt, die aber tausenden von Gesprächen, Gesprächsvorbereitungen, Nachbereitungen, Detailplanungen, die allein schon für die Kommunikation zwischen diesen 2600 Beteiligten notwendig war.
Am 6. November 2012 fiel der wohl bekannteste Putzbrocken Bambergs von der Decke. Wie schnell war Ihnen klar, dass eine kleine Reparatur nicht reichen würde?
Das war mir eigentlich in dem Moment klar, als ich den Anruf des damaligen Mesners bekommen hatte, der mir gesagt hat, dass der Putzbocken ein zwei Zentimeter tiefes Loch in eine der Eichenholzbänke geschlagen habe. Ich wollte mir gar nicht die Folgen ausmalen, wenn da ein Mensch gesessen hätte. Anfangs wurde auch der Umfang der Sanierung kritisiert.
Man hätte auch ein Netz spannen können. Doch ich ahnte schon instinktiv, das wird mit einem Netz an der Decke nicht zu beheben sein. Das deckte sich dann mit den ersten statischen Einschätzungen. Später bestätigte sich dies auch in der Sanierungsplanung, weil die Standsicherheit der Kirche in Teilen nicht mehr gegeben war. Das heißt, das Gewölbe hätte theoretisch auch noch jahrelang halten, es hätte aber auch jede Sekunde komplett einstürzen können.
Wie man dann im Laufe der Baustelle gesehen hat, wurden viele Risse früher einfach mit „Make-up“ behandelt. Als wir dann die ganzen Risse aufgemacht haben, hatten wir erstmals in diese männerhandgroßen Klüfte sehen können und wurden ein weiteres Mal in unserer Einschätzung bestätigt.
Sie haben in der Michelskirche nun eben nicht nur Make-Up aufgetragen, sondern bis ins kleinste Detail versucht, Historisches und auch bereits Verschwundenes wieder herzustellen. Was sind die Highlights, wenn die Kirche wieder aufmacht?
Das größte Highlight für die Besucher wird sicher die barocke Innenraumschale aus dem beginnenden 18. Jahrhundert sein. Herausragend war hier, dass man die originalen Farbschichten, die am Himmelsgarten vorhanden waren, tatsächlich wieder gefunden hat, obwohl sie mehrmals überstrichen wurden. Es gelang, den Zustand wieder herzustellen, den Abt Anselm Geisendörfer bei der Barockisierung dieser im Kern romanischen Kirche im Zuge des Wiederaufbaus nach dem großen Brand von 1610 geplant und umgesetzt hatte. Denn das, was wir als Erlebnis von der Michelskirche kannten, war eigentlich eine Fantasiefassung des ausgehenden 19. Jahrhunderts und ohne jegliches historisches Vorbild.
So war es nur folgerichtig, dass ein Expertengremium unter Leitung des damaligen Vorsitzenden des Landesdenkmalrates, Dr. Thomas Goppel (Staatsminister a.D., Anm. d. Red.), das Ziel formulierte, die Einheit zwischen barocker Ausstattung und Raumschale wieder herzustellen. Wir wollten ein ganzheitliches Bild, wie war die Kirche tatsächlich in ihrer Erscheinungsform, in dieser überaus kostbaren Ausstattung, eigentlich gedacht? Jetzt wird man plötzlich sehen, dass die Kirche eigentlich viel, viel prachtvoller gewesen ist.
Wie genau kannten Sie die Kirche vor der Baustelle und wie genau kennen Sie jetzt jeden Stein?
Als Bamberger kannte man die Michelskirche mit Ottograb und Himmelsgarten. Meine Frau und ich haben dort 2007 auch geheiratet. Insofern hat man natürlich eine emotionale Erinnerung an die Kirche. Wenn mir aber damals jemand gesagt hätte, dass ich fünf Jahre nach meiner Hochzeit derjenige bin, der die Kirche schließen muss und sie auch wiederöffnen darf, hätte ich das nicht für möglich gehalten.
2009 stand dann die Entscheidung an, sich mit dem Michelsberg für das erste Investitionsprogramm für die nationalen Unesco-Welterbe-Stätten zu bewerben. Da habe ich mich dann rudimentär mit der Kirche beschäftigt. Das steht aber alles in keinem Verhältnis zu dem, was ich seit 2012 über die Kirche gelernt habe.
Wie lässt sich die lange Bauphase am besten zusammenfassen?
Man könnte es tatsächlich göttliche Fügung nennen. Auch Leute aus meinem Team sagen, dass dieser ganze Komplex im Schutz des Erzengels Michael stehe. Und es wurde für uns zum Motto, dass wir uns irgendwie von ihm behütet fühlten.
Wir hatten nie einen richtig schweren Unfall in all den Jahren, was sehr ungewöhnlich ist für so eine Baustelle. Wir hatten keine großen Konflikte mit Firmen oder das Pech, dass wir Firmen mit schlechter Qualität oder schlechtem Zeitmanagement hatten. Die ganze Baustelle verlief im Großen und Ganzen sehr harmonisch.
Auch die Förderprogramme kamen vor allen Dank der Hilfe aus Berlin immer zur rechten Zeit. Jedes Mal, wenn man dank einer Förderung zwar ein Stück des Weges zurücklegen konnte, aber nicht wusste, wie es finanziell weitergehen soll, kam genau in dem Moment dieses berühmte Lichtlein getreu dem altbekannten Spruch: „Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Und dann kam wieder ein Förderprogramm, das genau für die Dinge, die als nächster Schritt anstanden, gepasst hat.
Insgesamt fließen in die Klosteranlage St. Michael über 85 Millionen Euro, vieles davon aus Fördermitteln. Wenn diese nicht gewesen wären, was wäre im schlimmsten Fall passiert?
Dann hätte man die Kirche zuschließen und im wahrsten Sinne des Wortes zuschauen müssen, wie sie einfällt. Und das war nicht, wie einige sagen, Schwarzmalerei, sondern das war todernst. Das Risiko hat tatsächlich mit einem sehr realen Wahrscheinlichkeitshorizont bestanden. Wenn man die Schadens- und Ursachenanalyse kennt, dann war das wie ein Schuhkarton, der in alle Seiten auseinandergedriftet ist. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der berühmte Schlussstein aus dem Gewölbe gebrochen und die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes in sich zusammengestürzt wäre.
Bekommt man in Zeiten klammer Stadtkassen, in denen für viele Sachen Geld fehlt, kein schlechtes Gewissen, dass hier eine höhere dreistellige Millionensumme in die Klosteranlage investiert wurde?
Auf gar keinen Fall. Es ist ja zunächst ein Irrtum, dass die Stadt Bamberg für diese Baumaßnahme verantwortlich zeichnet. Vielmehr agiert hier ja die Bürgerspitalstiftung als rechtlich selbständige Körperschaft. Zu jeder Entscheidung und zu jedem Euro, der da oben investiert wurde, stehe ich persönlich sowohl als Finanzreferent der Stadt als auch als Stiftungsreferent zu 100 Prozent. Ich weiß zwar, dass von außen betrachtet durchaus die eine oder andere kritische Stimme kam. Man darf allerdings nicht vergessen, dass die Gelder, die von Bund, Oberfrankenstiftung, Landesstiftung, Entschädigungsfonds und so weiter geflossen sind, nie in Schulen, Kindergärten oder Straßen geflossen wären, weil diese Mittel ausschließlich für den Zweck der Denkmalpflege zur Verfügung standen. Das heißt, wir haben niemandem etwas weggenommen, sondern wir haben diese Gelder für einen ganz bestimmten Zweck sehr zielgerichtet und zukunftsweisend verwendet.
Darüber hinaus sehe ich das auch in einem größeren Kontext. Unser Stadtbild ist geprägt durch das Weltkulturerbe. Und da ist der Michelsberg, man sieht es ja schon, wenn man am Kranen steht oder von der Autobahn kommt, das erste neben der Altenburg, was man von Bamberg sieht. Damit hat er eine städtebauliche Dominante. Außerdem ist er – neben der Siedlung um dem Bamberger Dom herum – die Keimzelle unserer Bamberger Kultur mit einer Strahlkraft weit über die Grenzen Bambergs hinaus. Deswegen fühlen wir uns als Bamberger hier sehr wohl.
Was macht den Michelsberg Ihrer Meinung nach so wichtig für die Bamberger?
Gebäude wie das alte Rathaus, der Dom, die neue Residenz und eben der Michelsberg gehören zur DNA von uns Bambergern. Jede Familie hat eine Erinnerung an den Michelsberg. Sei es an pflegebedürftige Angehörige, die hier im Bürgerspital untergebracht waren, oder an Hochzeiten, die man hier (mit)feiern durfte.
Viele Generationen kamen hier zu Gottesdiensten und fast jeder ältere Bamberger ist schon einmal durch das berühmten Ottograb gekrabbelt, um sich von seinem Rückenleiden zu befreien. Aber jetzt gibt es eine ganze Generation, die das nicht mehr kennt. Ein heute 20-Jähriger kann sich eigentlich an die Kirche gar nicht mehr erinnern, weil er sie bei vollem Bewusstsein noch nie gesehen hat. Das alles trägt zur Identifikation der Bamberger mit dem Michelsberg bei – ob man jetzt kirchenaffin ist oder nicht. Und insofern floss jeder Euro dieser Sanierung auch in die DNA von uns Bambergern.
Jetzt steht die Baustelle Michelskirche kurz vor der Vollendung, aber die Baustelle Michelsberg ist ja noch lange nicht fertig. Wie geht es da weiter?
Also auch die Kirche ist noch nicht ganz fertig, weil wir 2024 glücklicherweise noch einmal Geld vom Bund bekommen haben, mit dem wir die insgesamt elf Epitaphe in den Seitenschiffen sowie die Marien- und die Heilig-Grab-Kapelle restaurieren werden. Da bekommt Bamberg quasi zwei „Sixtinische Kapellen“ geschenkt. Auch die Freitreppe, die bislang durch die Baustelle nicht saniert werden konnte, ist noch an der Reihe.
Und was dann noch fehlt, sind ganz viele Teilprojekte. Wir müssen uns den Gärten widmen – sowohl unmittelbar um die Kirche als auch die große Gartenanlage mit allen Wege- und Treppenbeziehungen. Dann gibt es das Thema der Kanalisation der Klosteranlage, wo wir weite Teile dieser Entwässerungsanlage neu bauen müssen. Dafür wird man wohl oder übel in die Oberflächen eingreifen müssen. Das bedeutet, dass man dann ganz am Schluss als Sahnehäubchen der Klostersanierung auch die Innenhöfe grundlegend überarbeiten wird.
Darüber hinaus sollen unter anderem auch das Kaiserportal, die neue Abtei sowie die Orangerie – mit einer etwaigen gastronomischen Nutzung – saniert werden. Alles in allem liegen wir hier noch bei weiteren zehn Jahren Bautätigkeit auf dem Michelsberg.
Nun wurde die Kirche grundsaniert und der Öffentlichkeit präsentiert. Doch es ist ja auch ein Gotteshaus, das mit Leben gefüllt werden soll, abseits der Touristenströme. Wie schauen da die Planungen aus?
Es war von Anfang an allen Beteiligten wichtig, dass die Kirche in erster Linie Kirche bleibt. Und das ist für mich auch eine rote Linie, die unverzichtbar ist. Wir sind als Bürgerspitalstiftung Eigentümer der Kirche. Seitens der Erzdiözese haben in jüngster Vergangenheit Gespräche stattgefunden, wo diese gemeinsame Nutzung der Kirche nicht zur Debatte stand. Erzbischof und Generalvikar stehen zu der liturgischen Nutzung ohne Wenn und Aber.
Man muss natürlich der Realität ins Auge schauen. Noch vor 20 Jahren hatten wir viel mehr residierende Domkapitulare in Bamberg, wo dann der eine oder andere mal Gottesdienst dort gehalten hat. Das gibt es heute in Zeiten des Priestermangels natürlich nicht mehr. Die Seelsorgebereiche in Bamberg müssen zusehen, wie man jeden Sonntag noch eine Messe in den Pfarreien anbieten kann. Da ist die Michelskirche eine zusätzliche Herausforderung.
Aber man ist sich einig, dass man zumindest regelmäßig Gottesdienste dort anbietet, ohne dass wir das jetzt schon wirklich zu 100 Prozent fixiert haben. Die Michelskirche sollte im Wesentlichen ein liturgischer Ort sein und kein Museum. Deswegen gibt es auch die Vereinbarung mit dem Erzbischof, dass man keinen Eintritt verlangt.
Haben Sie einen Tipp für all diejenigen, die es nicht erwarten können, die Michelskirche endlich wieder anzuschauen?
Mein Tipp ist: Kommen Sie im Mai. Das wird vorerst der einzige Monat sein, in dem weder außen noch innen in der Kirche eine Gerüst stehen wird. Ab Juni werden immer wieder Teilbereiche eingerüstet sein. Von Montag bis Donnerstag wird die Kirche geschlossen sein. So können die Handwerker in Ruhe arbeiten und alle Interessierten das Gotteshaus von Freitag bis Sonntag in der Zeit von 11 bis 16 Uhr in Ruhe genießen.
Der erste Gottesdienst für die Öffentlichkeit wird am Sonntag, den 26. April um 10 Uhr durch Dompfarrer Markus Kohmann zelebriert. Anschließend sind alle Bürgerinnen und Bürger zu einem Frühschoppen im Klosterhof herzlich eingeladen. An diesem Tag kann dann jeder noch bis 17 Uhr die Kirche besichtigen. Des Weiteren gibt es am 9. und 10. Mai das Bürgerfest mit zahlreichen Führungen und Vorträgen, wo man sich von Fachleuten die ein oder andere Anekdote erzählen lassen kann. Auch für Familien mit Kindern wird viel geboten sein. Darüber hinaus versuchen wir von einer Orgelreihe angefangen bis zu einer Lichtführung bei Nacht ein tolles Veranstaltungsprogramm auf die Beine zu stellen, um die Kirche für die Menschen in den unterschiedlichen Jahreszeiten erlebbar zu machen.
