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Leo XIV. auf dem Weg vom Lamm zum Löwen

Foto: Pixabay/jerOme82

Vatikanstadt (KNA) – "Alles liegt in den Händen des Heiligen Geistes", hatte Robert Francis Prevost am 6. Mai 2025 Spekulationen über seine mögliche Wahl zum Papst abgewiegelt. Kaum 48 Stunden später betrat der gebürtige Chicagoer als Leo XIV. die Mittelloggia des Petersdoms.

 

Ein US-Amerikaner auf dem Papstthron? Das mächtigste Land der Erde soll auch noch das Oberhaupt der 1,4 Milliarden Katholiken stellen? Um weltpolitische Verwicklungen zu vermeiden, schien das lange ausgeschlossen. Bis zum 8. Mai 2025. Doch sehr bald sollte sich zeigen, dass der erste Papst der Boomer-Generation eher Kosmopolit als ein typischer "Ami" ist - und auch alles andere als eine Art geistlicher Assistent des amerikanischen Präsidenten.

 

Multitalent und Kosmopolit

 

Geboren am 14. September 1955 als Sohn eines Lehrers und einer Bibliothekarin mit französischen, italienischen, spanischen und kreolischen Wurzeln, zwei ältere Brüder, promovierter Kirchenrechtler mit Abschlüssen in Mathe und Physik, seit 1977 Mitglied und später Leiter des Augustinerordens, gut 20 Jahre Missionar und Bischof in Peru, dessen Staatsangehörigkeit er auch hat, zuletzt Präfekt der vatikanischen Bischofsbehörde - all das machte rasch die Runde über den bescheiden lächelnden Mann in der Papst-Loggia.

 

Dass er schon bei seinem ersten Auftritt über dem weißen Gewand die klassische rote Mozzetta trug, zeigte, dass Papst Prevost nichts gegen Traditionen hat, ohne aber dogmatisch zu sein. Seine auf einem Collegeblock notierte "Regierungserklärung" mit vielen Bezügen zu seinem Vorgänger Franziskus (2013-2025) präsentierte er in fehlerfreiem Italienisch. Wie sehr ihm Peru am Herzen liegt, zeigte sein Gruß an die Menschen "meiner geliebten Diözese Chiclayo" - auf Spanisch; in seiner Muttersprache dagegen an diesem Abend kein Wort.

 

Sportlich und im Netz zuhause

 

Inzwischen variiert der polyglotte Papst geschmeidig zwischen Englisch, seiner "Herzenssprache" Spanisch und seiner Dienstsprache Italienisch; auch spricht er Französisch und etwas Portugiesisch, und Deutsch bringt sich das internetaffine Multitalent angeblich per Sprachlern-App bei.

 

Der mit jetzt 70 Jahren noch recht junge Pontifex zeigt sich körperlich so fit wie kein Papst seit 40 Jahren. In seiner im März bezogenen Wohnung am Petersplatz soll er einen Fitnessraum nutzen. Er spielt Tennis und ist in der Lage, die schwere Monstranz oder ein Pilgerkreuz über eine längere Strecke zu tragen. Außerdem mag er das Buchstabenrätsel Wordle, spielt Klavier und kennt sowohl Paul McCartney als auch Bela Bartok.

 

Brückenbauer statt Hitzkopf im Papstamt

 

Sympathische Details, die aber für die Kardinäle im Konklave vor einem Jahr kaum entscheidend waren. Nach dem impulsiven Argentinier Franziskus wünschten sich viele einen "Brückenbauer", der Gräben überwindet. Dafür war Prevost schon früher bekannt: Er hört genau zu, setzt auf Dialog statt auf Konfrontation und lässt sich weder von "Konservativen" noch von "Progressiven" vereinnahmen.

 

Letztlich waren es wohl auch diese Eigenschaften, die zuvor hochgehandelte Papabili im Konklave rasch aus dem Rennen schlugen. Prevost habe, so berichtete es ein Purpurträger aus der Sixtinischen Kapelle, vor dem vierten Wahlgang auf das Mittagessen verzichtet, um seine Balkonrede zu entwerfen. Als nachmittags die Entscheidung der 133 Kardinäle feststand - über 100 Stimmen soll Prevost erhalten haben -, applaudierten sie lange, während ihr neuer Chef zwischen Schock und Gelassenheit schwankte.

 

Kurz darauf sprach Leo auf dem Balkon sein ikonisches "Der Friede sei mit euch allen". Damit hatte er das Thema seines Pontifikats gesetzt.

 

Mehr Lamm als Löwe

 

Manchen schien Leo XIV. der lateinischen Bedeutung seines Papstnamens anfangs nicht gerecht zu werden, schien eher Lamm als Löwe, zeigte zu wenig Biss. Seine stets wiederkehrenden Appelle gegen Krieg und Ungerechtigkeit waren manchen zu zahm. Das hat sich mit den Einsätzen der US-Streitkräfte in Venezuela und im Iran grundlegend geändert. Unmissverständlich geißelt Leo eine immer brutalere Kriegsrhetorik, auch und gerade aus seinem Geburtsland.

 

Trump ätzt gegen seinen Landsmann

 

Das führte nach elf Monaten im Amt zu einer scharfen Kontroverse: In der Nacht vor Leos großer Afrikareise holte US-Präsident Donald Trump gegen seinen Landsmann aus. Dieser sei "SCHWACH im Umgang mit Kriminalität und eine Katastrophe in der Außenpolitik", ätzte Trump auf seiner Social Media-Plattform. "Wäre ich nicht im Weißen Haus, wäre Leo nicht im Vatikan."

 

Mit seiner "laschen" Haltung schade der Papst sich und der Kirche: "Leo sollte sich als Papst zusammenreißen, seinen gesunden Menschenverstand einsetzen, aufhören, der radikalen Linken nach dem Mund zu reden, und sich darauf konzentrieren, ein großer Papst zu sein, kein Politiker", so Trumps Tiraden.

 

Mutige Reaktion des Papstes

 

Leos Antwort fiel mutig und souverän aus: "Ich fürchte weder die Trump-Regierung noch das offene Aussprechen der Botschaft des Evangeliums", sagte er auf dem Flug nach Algerien. Er sei kein Politiker und wolle sich nicht auf eine Debatte mit Trump einlassen. Aber er werde weiter versuchen, Kriege zu beenden und Frieden und Versöhnung zu fördern, unterstrich Leo XIV.

 

"Ich glaube, jemand muss aufstehen und sagen, dass es einen besseren Weg gibt", so das Weltoberhaupt der größten Religionsgemeinschaft gegenüber dem mächtigsten Mann der Welt. Vielleicht wird aus dem Löwen im Papstamt nun doch noch ein Anti-Trump - gegen seinen Willen.