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Wer gestorben ist, soll nicht vergessen werden

Auf Zetteln können die trauernden Menschen ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen festhalten. Die Zettel werden anschließend in die Öffnungen an der Trauerwand in St. Klara gesteckt. Foto: Katharina Bitterwolf / St. Klara
Auf Zetteln können die trauernden Menschen ihre Gedanken, Gefühle und Erinnerungen festhalten. Die Zettel werden anschließend in die Öffnungen an der Trauerwand in St. Klara gesteckt. Foto: Katharina Bitterwolf / St. Klara

Nürnberg (buc) – Seit mehr als zwei Jahrzehnten hält die Offene Kirche St. Klara in der Nürnberger Innenstadt auch zahlreiche Angebote für Trauernde bereit: Menschen, die einen lieben Angehörigen verloren haben, verwaiste Eltern von „Herzenskindern“, auch Menschen, deren Lebensträume geplatzt sind und die deshalb Hilfe und Begleitung bei der Bewältigung ihres Schmerzes suchen.

 

Nun wird der Trauerseelsorge in St. Klara, die Pastoralreferent Jürgen Kaufmann angestoßen hat und bis heute verantwortet, eine hohe Ehrung zuteil: Sie erhält den Verkündigungspreis der Bergmoser + Höller-Stiftung, die vom gleichnamigen christlichen Verlag mit Sitz in Aachen ins Leben gerufen wurde. Die Auszeichnung geht jedes Jahr an Personen, Gruppen oder Pfarreien, die christliche Werte öffentlich bekennen und in ihr oft säkulares Umfeld hineintragen. Die diesjährige Preisverleihung findet Mitte Mai im Rahmen des Katholikentags in Würzburg statt.

 

Die Trauerseelsorge in der Klarakirche begann im Jahr 2004 mit einer monatlichen Andacht, wie Theologe Kaufmann erläutert: „Wir wollten etwas für Menschen anbieten, die nicht mehr klassisch katholisch sozialisiert sind, aber einen Ort für ihre Trauer suchen.“ Die Seelsorgearbeit in St. Klara wuchs dann mit der Zeit wie von selbst um einen Baustein nach dem anderen. Bald nach Etablierung der Trauerandacht meldeten sich zwei Hebammen in St. Klara mit der Anregung, Andachten für Eltern zu veranstalten, deren Kinder vor, während oder kurz nach der Geburt gestorben waren – die sogenannten Sternenkinder. Inzwischen heißt die Andacht „Herzenskinder“, da mit der Zeit immer mehr Eltern dazukamen, deren Kinder in höherem Alter gestorben waren.

 

Wenig später stand eine Frau vor Jürgen Kaufmann: die Gründerin der örtlichen Gruppe „Angehörige um Suizid“ (Agus). Für die Hinterbliebenen von Menschen, die sich selbst getötet haben, gibt es seither zwei- bis drei Mal im Jahr die Andacht „Du bist gegangen“. Ebenso oft gibt es die „Scherbenandacht“ für Menschen mit zerbrochenen Beziehungen. Der Ursprung: Eine Frau stand hinten in St. Klara und fragte, ob sie teilnehmen könne: Sie sei von ihrem Partner sitzengelassen worden, das sei auch Trauer. Kaufmann war erst „irritiert“, sagt er, ließ sich gleichwohl auf den Vorschlag ein.

 

Betont niederschwellig ist auch die Feier für verstorbene Drogenkonsumenten, am Gedenktag am 21. Juli. „Da sind viele dabei, die überhaupt nichts mit Christentum zu tun haben“, so Kaufmann. Eine weitere Gedenkfeier gibt es für Menschen, die einsam und verlassen gestorben sind. Sie heißt „Hinter dem Horizont“ – schlicht auch sie, mit Kerzenritual und der Möglichkeit, Zettel mit Gedanken und Anliegen zu beschriften und an der Trauerwand abzulegen.

 

Diese Trauerwand links neben dem Chorraum ist eine Besonderheit des Gotteshauses: Bei der Generalsanierung von St. Klara 2006/2007 erhielten die Architekten den Auftrag, eine feste Trauerwand in ihr Konzept aufzunehmen. In die runden Öffnungen lassen sich die Zettel mit den Anliegen schieben. Die Wand wird auch außerhalb der Andachten gut genutzt.

 

Jürgen Kaufmann bietet auch Trauerkreise an, jeweils vier Monate lang. „Der Bedarf hat immer mehr zugenommen“, so der Pastoralreferent. Dazu kommen zahllose einzelne Trauergespräche. Die Bedürfnisse der Menschen sind sehr unterschiedlich. Sie sind dankbar für Gesprächsmöglichkeiten und liturgisch gestaltete Räume, um ihrem Schmerz Ausdruck zu geben.

 

Viele versuchen, mit der akuten Trauer fertigzuwerden, andere merken erst Monate oder Jahre nach dem Verlust eines Menschen, dass sie das nicht aufgearbeitet haben – das Umfeld reagiert dann meist verständnislos. „Das ist oft schlimmer als die Trauer selbst: das Gefühl, dass der verstorbene Mensch vergessen ist“, so Kaufmann.

 

Eines Tages kam eine 80-jährige Frau in den Trauerkreis, weil ihr 100-jähriger Partner gestorben ist. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht so sehr um ihn trauerte, sondern um ihren Mann, der 40 Jahre zuvor bei einem Spaziergang tot umgefallen war. Sie blieb zurück mit zwei kleinen Kindern, hatte keine Zeit zum Trauern.