· 

Es ist zum Schreien still an diesem Tag

„Eine uralte Verheißung klingt an: Das ist noch nicht das Ende.“ Karfreitagsliturgie, gestaltet von Ehrenamtlichen in der Nürnberger Kirche St. Elisabeth. Foto: Bernd Buchner
„Eine uralte Verheißung klingt an: Das ist noch nicht das Ende.“ Karfreitagsliturgie, gestaltet von Ehrenamtlichen in der Nürnberger Kirche St. Elisabeth. Foto: Bernd Buchner

Nürnberg (buc) – Die Zeit von Gründonnerstag bis zur Osternacht ist eine ganz besondere im katholischen Christentum. Nach dem Feiern zum letzten Abendmahl wird in den Gotteshäusern der Altar freigeräumt, die Glocken schweigen, der Tabernakel mit dem Allerheiligsten steht offen und leer. Am Karfreitag und am Karsamstag gibt es keine heilige Messe – die Kirche gedenkt des Leidens und Sterbens Jesu.

 

Die Karfreitagsliturgie zur Todesstunde beginnt in der Regel mit dem stillen Einzug des Priesters, der sich hernach flach auf den Boden hinstreckt: Zeichen von Scham, Ausgeliefertsein, aber auch von Demut, Vertrauen auf Gott und seine Güte. Beim „anderen Karfreitag“ in der Nürnberger Elisabethkirche treten fünf Ehrenamtliche nach vorne, vier Frauen und ein Mann, die kurz darauf vor dem Altar liegen – kein Geistlicher unter ihnen, doch ein Moment großer Geistlichkeit, Kirchlichkeit.

 

Warum tun wir uns das an?

 

Auch sonst ist manches anders bei dieser Feier. Die Impulse und Gedanken nehmen Bezug zum Geschehen an jenen Freitag vor zwei Jahrtausenden in Jerusalem, aber auch zum gegenwärtigen Lauf der Welt, den Kriegen und Konflikten, der verbreiteten Unsicherheit und Zukunftsangst. „Warum tun wir uns das an?“ heißt es in einem der Texte mit Blick auf die Flut beunruhigender Nachrichten, die in dieser Zeit auf die Menschen einströmen, die sie verarbeiten müssen.

 

Die Frage bleibt indes nicht ohne Antwort. Der Auftrag der Christinnen und Christen, so der Tenor, ist es, Unrecht zu erkennen, nicht wegzusehen, dagegen vorzugehen: „Wir verbinden uns mit einem Gott, der solidarisch ist.“ Die Zeichen der Zeit, von denen Jesus sprach, zu erkennen und danach handeln, dabei nicht verzweifeln angesichts von Gewalt und Unrecht, die die Welt zu dominieren scheinen. „Es ist zum Schreien still an diesem Tag“, so eine Formulierung.

 

Tatsächlich entsteht bei der Karfreitagsfeier, die musikalisch unaufdringlich durch Querflöte und Keyboard begleitet wird, rasch der Eindruck, dass es kein Widerspruch sein muss, innerlich und äußerlich gegen das Leid der Erde aufzubegehren und dennoch einen Moment der Ruhe, der Besinnung, der Kräftigung einzuhalten. Und es wirkt fast so, als könne kein vermeintliches Störgeräusch diese Stimmung beeinträchtigen: das Grimmen aus der U-Bahn-Röhre, ein notorischer Handyklingelton, eine Polizeisirene, die von draußen hereinschallt. Die Stille saugt all dies in sich auf.

 

Zur Liturgie am Karfreitag gehört die Verlesung der Passionsgeschichte Jesu. Die Verantwortlichen haben sich gegen die Einheitsübersetzung und für das „Neue Testament in der Sprache unserer Zeit“ entschieden, herausgegeben vom Haus Werdenfels bei Regensburg und dem Bibelwerk Linz. Die Sprache ist direkt, schnörkellos, an geeigneten Stellen auch ausschmückend. So heißt es, wenn Jesus am Ölberg im Gespräch mit seinem Vater in sein bevorstehendes Leiden und Sterben einwilligt, nicht einfach „Dein Wille geschehe“, sondern: „Es geschehe, was deiner großen Liebe zu den Menschen am meisten entspricht.“

 

Bei der traditionellen Kreuzverehrung haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Feier die Möglichkeit, auf Zetteln ihre eigenen Gedanken zu formulieren und an einem Holzkreuz, das hereingetragen wurde, zu befestigen. Und für einen Moment wirkt es so wie bei der wundersamen Speisung der Menge durch Jesus am See Gennesaret: Aus zwei Bitten und fünf Anliegen könnten zwölf Körbe voll tiefer Sehnsüchte der Menschheit geworden sein, die sich erfüllen mögen.

In Stille beschließt sich die Feier, man geht auseinander oder bleibt noch für einen Moment. „Eine uralte Verheißung klingt an“, hieß es in einem der Texte. „Das ist noch nicht das Ende.“