
Bamberg (kem) – Laut aktueller Zahlen des Robert-Koch-Instituts aus dem vergangenen Jahr sind über 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Außerdem warnt die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) davor, dass gut 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren nicht schwimmen können. Am Ende der Grundschule sind über 60 Prozent der Kinder keine sicheren Schwimmer. All diese alarmierenden Zahlen zeigen vor allem eines auf: Die jüngste Generation in unserem Land bewegt sich nicht mehr genug.
Viele Projekte wollen diesem entgegenwirken – und eines davon ist gerade in Bamberg auf dem Vormarsch: „Sport vernetzt“. Dieses setzt schon im frühen Kindesalter an und will die wichtigen Akteure zusammenbringen, nämlich Sportvereine, Kindertagesstätten und Grundschulen. Der Kopf hinter dem Projekt ist Henning Harnisch. Als Europameister und neunfacher Deutscher Meister mit Bayer 04 Leverkusen und Alba Berlin kennt der ehemalige Basketballer die Profisport-Seite genau, weiß aber auch, dass das reine Leistungsdenken nicht förderlich ist. „Es gibt im Sport keine Chancengleichheit. Viele Kinder in Armut haben nicht die Möglichkeit, Sportvereine zu besuchen“, so der 57-Jährige.
Idee kam während Corona
Während der Corona-Pandemie machte Alba Berlin, der Verein in dem Harnisch seit 2010 Vizepräsident ist, auf sich aufmerksam, als man im Lockdown mit einer virtuellen Youtube-Sportstunde die Kinder in die Bewegung holte. Das war der deutschlandweite Durchbruch und der Anreiz für Harnisch, viel mehr in die Schulen und Kindergärten zu gehen und dort für Bewegung zu sorgen.
Und genau hier setzt „Sport vernetzt“ an. Gemeinsam mit Partnern vor Ort will man eine Umgebung schaffen, in der sich die Jüngsten einfach regelmäßig bewegen können. „Wir wollen Kinder reinholen, die sonst nicht im Sport landen würden“, so Harnisch. In insgesamt 60 Städten gibt es mittlerweile über 100 Sozialräume, in denen „Sport vernetzt“ aktiv ist. In Bamberg sind die regionalen Partner der Verein „Innovative Sozialarbeit (iSo) sowie Freak City e.V. – die Nachwuchsorganisation der Bamberg Baskets. An aktuell drei Standorten in Bamberg Ost, Gaustadt und in der Gereuth sind vier Grundschulen und vier Kindergärten beim Projekt dabei. Ein weiterer Standort im Babenberger Viertel soll mit Unterstützung der Joseph-Stiftung demnächst etabliert werden.
Ziel soll es sein, dass Kindern in regelmäßigen Sport-AGs unter Anleitung professioneller Trainer, die aus den Sportvereinen kommen, Spaß an der Bewegung gemacht wird. Und geht es nach Henning Harnisch, ist das erst der Anfang. „Nachdem wir das Projekt nun fünf Jahre durchgeführt haben, wissen wir auch, dass der Schlüssel zu mehr Bewegung in den Ganztagsangeboten der Schulen liegen muss.“ Demnächst habe jedes Kind in Deutschland ein Anrecht auf einen Ganztagesplatz. Doch für den Ex-Basketballer geht der „Ganztag“ über die einfache Betreuung von Kindern hinaus. „Wir müssen den Kindern auch Perspektiven bieten, was sie alles zu leisten im Stande sind.“
Dabei blickt Harnisch auch über den Tellerrand hinaus. „Natürlich lag bei uns am Anfang der Fokus auf Basketball, doch alle Sportarten, die man niederschwellig anbieten kann, gehören hier dazu“, so der Ex-Nationalspieler. Wichtig sei vor allem, dass sich die Kinder und Jugendlichen wieder mehr mit Bewegung identifizieren. „Wenn ein Kind irgendwann von sich selbst sagt, ich bin ein Sportler, dann kann das auch ungemein identitätsstiftend sein.“
Dass in Bamberg gerade diese Ortsteile als Start des Projekts ausgewählt wurden, kommt auch nicht von ungefähr. „Wir starteten auch in Berlin das Projekt in Großsiedlungen und sozialen Brennpunkten. In Gegenden, wo Kinder anders aufwachsen, schwierige Situationen durchleben und von Eltern eben nicht zum Sport am Nachmittag gefahren werden können“, so Harnisch. „Hier hat man dann gesehen, dass der Sport eben auch über kulturelle und soziale Grenzen hinweg verbindend sein kann.“
Trainer gesucht
Ein nächster Schritt für die Verantwortlichen in Bamberg muss es nun sein, noch mehr Projektpartner einzubinden. „Es gibt extrem viele engagierte Leitungen in Schulen und Kindergärten, die hier gerne mitmachen wollen. Aber wir müssen auch gute Leute finden, die professionell – sowohl pädagogisch als auch sportlich – mit den Kindern arbeiten können.“ Da sieht Harnisch die Sportvereine noch mehr in der Pflicht. „Mein Traum wäre, dass Sportvereine mit in die Organisation der Ganztagsangebote einsteigen und wir Hand in Hand für die körperliche Gesundheit unserer Kinder arbeiten.“ So könnte Sport tatsächlich ganz Deutschland vernetzen.
