
Bamberg (buc) – "Kannst du etwas über Kant machen?“ fragte vor einiger Zeit eine Kollegin, als sie Bernd Franze bat, eine Vertretungsstunde in der Mittelstufe für sie zu übernehmen. Bernd Franze ist Lehrer für Deutsch und Religion am Kaiser-Heinrich-Gymnasium in Bamberg, natürlich konnte er etwas über Kant machen. Und die Neuntklässler? Nun ja, sie waren wenig begeistert. Da sagte der Pädagoge zu ihnen: „Passt auf, ihr Lieben. Wir machen jetzt nicht irgendwas. Ihr besucht ein Gymnasium. Ihr solltet Lust auf Kultur und Bildung haben.“
Hatte die kleine Standpauke Wirkung auf die Schülerinnen und Schüler? „Nicht erkennbar.“ Franze kleidet die Antwort in ironische Bescheidenheit. Er hat ein rund 30-jähriges Berufsleben hinter sich, gilt als strenger Lehrer, doch vielleicht nur deshalb, weil er andere Maßstäbe anlegt, andere Anforderungen stellt als die jüngere Kollegenschaft. Und deshalb leichter enttäuscht ist, wenn im Deutschaufsatz der 10. Klasse, Rilkes „Karussell“ von 1906, nur ein einziges Mädchen in der 26-köpfigen Klasse die gedankliche Brücke zum bevorstehenden Ersten Weltkrieg schlägt.
„Dann wird’s intensiver“
Ja, es gibt sie, die Momente, in denen Bernd Franze überlegt, ob er nicht einen anderen Beruf hätte ergreifen sollen. Er bemängelt ein „Übermaß an Selbst- und Außendarstellung“ der Schulen von heute, er sieht Aktionismus und Anbiederung, Verzettelung. Doch findet er auch Erfüllung: wenn Unterricht als offenes Beziehungsgeschehen funktioniert, nicht als detaillierter Betriebsablauf oder in der Art eines Skirennens mit „Zwischenzeiten“. Glücksmomente gebe es vielmehr dort, wo man über den Lehrplan hinaus ins Gespräch komme. Wenn der Lehrer auch einmal sagen könne: Da habe ich einen Fehler gemacht. Oder: Darüber muss ich erst einmal nachdenken. „Da lacht keiner“, schildert Franze die Reaktionen der Mädchen und Jungen, „sondern dann wird’s intensiver.“
Bernd Franze, heute 60 Jahre alt und mit einer Lehrerkollegin verheiratet, ist gebürtiger Forchheimer, war seit Kindheit und Jugend stark in der katholischen Pfarrei engagiert, trat 1984 ins Bamberger Priesterseminar ein. Doch dort gab es rasch Schwierigkeiten, der junge Mann spürte Kälte und Härte sowie eine „Hierarchie, die ich als lebensfeindlich empfand“. Er verließ das Seminar, doch am Berufswunsch, etwas mit Religion und Jugendlichen zu machen, änderte das nichts. Franze ging zunächst als Zivildienstleistender ins Aufseesianum, das katholische Internat in Bamberg, und hatte dort die Stelle als Präfekt inne.
Es folgte das Theologiestudium in Würzburg, als zweites Fach wählte der angehende Gymnasiallehrer Deutsch, „weil ich die Literatur sehr liebe“, wie er sagt. Franze war sich bewusst, was es bedeutet, Lehrer zu werden: „Ich habe von Anfang an vermutet, dass dieser Beruf ein fordernder Beruf ist. Und das ist er auch.“ Jungen Leuten, die heute einen ähnlichen Weg einschlagen wollen, rät er, stets ihre Work-Life-Balance im Blick zu haben, auf Abstand und Ausgleich vom Schulalltag zu achten. „Niemand sollte sagen: Mein Leben ist die Schule. Du hältst es nicht durch.“
Die Anforderungen an den Beruf haben sich gewandelt, auch die Rolle der Pädagogen ist heute eine andere: „Lehrerinnen und Lehrer müssen heutzutage mindestens auch Entertainer sein, manchmal Therapeuten“, berichtet Franze. Die Zahl der Fälle, die die Schulpsychologen zu bewältigen hätten, sei enorm gestiegen. Die Lehrer selbst könnten hier nur mit schlechtem Gewissen dilettieren. Und Sündenböcke seien sie ohnehin: „Wenn die gewünschte Zensur nicht gegeben wird, fragt der Schulleiter: Was haben Sie falsch gemacht?“ Die Eltern seien eine starke Lobby, und die Lehrkräfte? „Abhängig Beschäftigte in einem hierarchischen Loyalitätssystem“.
„Wie die 7. US-Kavallerie“
Studiendirektor Franze hat es gar mit einer doppelten Loyalität zu tun: Er ist Staatsbeamter, erfüllt eine hoheitliche Aufgabe, doch bei ihm als Religionslehrer obliegt die Fachaufsicht der katholischen Kirche, die ihm am Anfang seiner Schullaufbahn die Lehrerlaubnis („missio canonica“) erteilte. Das hatte etwa die Folge, dass eines Tages der damalige Chef der Schul-Hauptabteilung des Erzbistums Bamberg „wie die 7. US-Kavallerie“ in Franzes Religionsunterricht erschien, weil dieser einem Schüler eine schlechte Note gegeben hatte. Die Mutter informierte daraufhin den Erzbischof persönlich.
Der Pädagoge erzählt das mit einem so hintergründigen Lächeln, dass man unwillkürlich begreift, welche Standhaftigkeit es braucht, um sich solchen Situationen zu stellen, ohne persönlichen Schaden zu nehmen. Dabei ist die katholische Religionslehre an bayerischen Schulen ohnehin im Sinkflug: Die Abmeldequote in Richtung Ethik lag am Kaiser-Heinrich-Gymnasium lange um die vier Prozent, heute ist sie deutlich höher. Schulgottesdienste gibt es nur noch zu Beginn und Ende des Schuljahrs. „Das Interesse ist im homöopathischen Bereich“, sagt Franze. Selbst die Lehrkräfte fanden es irgendwann zu anstrengend, etwas für junge Leute zu machen, was diese gar nicht wollen.
„Sie spielen ohne Gage mit“
Vom „Zusammenbruch der Schulgottesdienste“ spricht der Pädagoge unverhohlen. Allenfalls eine kirchliche Feier vor der Abiturfeier werde mal gewünscht, „weil man sich mit dem Ballkleid gern im Dom zeigt“. Für Franze ist das Bamberger Bourgeoisie, er spricht von „Putzsucht“ in Anlehnung an Goethes „Faust“: „Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten, / Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt; / Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten / Und spielen ohne Gage mit.“
Was den Unterricht selbst betrifft, verweist er allerdings darauf, dass die Kirche das Fach Religionslehre nicht als Katechese, als Gemeindesituation verstehe. Schule sei nicht der verlängerte Arm der Kirchen. „Wir begrüßen alle, die ins Klassenzimmer kommen, unabhängig davon, wie eng die Bindung an die Kirche ist“, betont Bernd Franze. „Da war immer eine Offenheit, die ich begrüßt habe.“ Allerdings kämen die Mädchen und Jungen inzwischen nicht nur mit einer gewissen Distanziertheit, „sondern mit völliger Ahnungslosigkeit“. Doch Interesse sei durchaus da, etwa im Zuge der Papstwahl vor einem Jahr. „Das ist für sie großes Kino.“ Religionslehre habe viel mit Glaubwürdigkeit zu tun, sagt Franze. „Sie wollen nicht wissen, ob ich geschieden bin oder wie oft ich in die Kirche gehe. Sie wollen wissen, wofür ich stehe, welche Werte ich habe. Und dann ist es gut, wenn man welche hat.“
Übrigens, Immanuel Kant: deutscher Philosoph, geboren 1724, gestorben 1804, kam sein ganzes Leben lang nicht aus seiner Geburtsstadt Königsberg heraus, war zugleich ein Weltbürger, einer der wichtigsten Denker der abendländischen Kultur. „Aufklärung“, so einer von Kants zentralen Gedanken, sei der „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Und den kategorischen Imperativ kleiden wir heute in den Knittelvers: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu. Kein schlechter Leitsatz für Menschen, für die Bildung auch Herzensbildung bedeutet.
