Liebe Schwestern und Brüder im Erzbistum Bamberg,
wer schon einmal das Heilige Land besucht hat, wird vermutlich auch auf dem Berg Tabor gewesen sein. Obwohl die Evangelien an keiner Stelle eine Ortsangabe machen, wird die Erzählung von der Verklärung des Herrn schon in frühchristlicher Zeit unter anderem auch dort verortet.
Wer heute auf den hohen Berg Tabor kommt, der findet vor allem mehrere kirchliche Gebäude, insbesondere die gerade erst einhundert Jahre alte Verklärungskirche. Beinahe hat man den Eindruck, dass sich Petrus mit seinem gestammelten Vorschlag am Ende doch durchgesetzt hat: drei Hütten zu bauen, eine für den Herrn, eine für Mose und eine für Elija.
Es ist ein menschliches Bedürfnis, durch Gebäude Zeichen zu setzen. Ein Haus steht für Geborgenheit und Sicherheit. Es schützt vor Kälte und Hitze und vor sonstigen Gefahren des Alltags. Und in religiöser Hinsicht macht ein Gebäude die verborgene GegenwartGottes sichtbar und bewusst. Manchmal dienen Gebäude auch der Selbstvergewisserung oder nur der Selbstdarstellung.
"Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann"
Jesus denkt anders. Im Matthäusevangelium sagt er von sich: Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann (Mt 8,20). Auf dem Berg Tabor geht er auf den Vorschlag des Petrus nicht ein. Er will sich nicht dort niederlassen, wo sein göttlicher Glanz sichtbar wurde, sondern er will dorthin gehen, wo auch aller menschlicher Glanz sich verdunkelt: ans Kreuz! Die Erzählung von der Verklärung des Herrn ist nur zu begreifen aus der Perspektive des Auferstandenen, der durch Kreuz und Tod hindurchgegangen ist. Der Herr thront nicht still und unbeweglich in einem Tempel wie ein antikes Götterbild, sondern er ist und bleibt in Bewegung, geht auf die Menschen zu, will ihnen im Alltag begegnen und sie berühren durch seine Nähe.
Und genau das erwartet er auch von denen, die ihm folgen, von seinen Jüngern. Er zieht mit ihnen durch die Dörfer und Städte, er sendet sie aus zu den Menschen, damit sie die Frohe Botschaft in Wort und Tat verkünden; und er sammelt sie wieder bei sich, damit sie neue Kraft tanken können in seiner Nähe.
Einer der ältesten Namen der jungen christlichen Gemeinde lautete: Der neue Weg. Christsein heißt „Unterwegs-Sein“, nicht sich gemütlich niederlassen und dauerhaft sesshaft, ja unbeweglich werden. Darin besteht die Gefahr allen Besitzes: Nicht, dass er an sich schon etwas Schlechtes wäre, aber dass er träge macht und unbeweglich; dass er die Angst vor Verlust steigen lässt, und damit Misstrauen sät und Neid und Geiz.
Die österliche Bußzeit will uns zu neuer Beweglichkeit verhelfen – geistig, geistlich und materiell. Durch bewussten Verzicht können wir erfahren, dass nicht die Steigerung von Besitz glücklich macht, sondern vielmehr das Teilen von Zeit, Geld und Möglichkeiten. Diese vierzig Tage wollen unser Leben wieder neu auf die Basis des Vertrauens stellen durch eine Stärkung der Gottesbeziehung im Gebet, durch den Empfang der Sakramente, insbesondere der Buße und der Eucharistie, und durch die Bereitschaft, sich zu versöhnen, wo immer das nötig ist. Je stärker unser Leben in Gott verwurzelt ist, umso mehr sind wir in der Lage aufzubrechen, Vertrautes loszulassen und Neues zu entdecken. Wie Abram von Gott aus seinem vertrauten Leben herausgerufen wurde und sich aufmachte in ein Land der Verheißung, so sendet Gott auch heute Menschen in neue und vielleicht ungewohnte Herausforderungen.
Menschen fühlen sich zunehmend verunsichert
Manchen macht das Angst. In einer Welt und in einer Kirche, in denen so viel Vertrautes sich auflöst und verlorengeht, fühlen sich Menschen zunehmend verunsichert. Wer da verspricht, dass alles so bleibt wie gewohnt, der kann mit Zuspruch und mit Wählerstimmen rechnen, auch wenn jedem klar ist, dass es sich um leere Versprechungen handeln muss. Doch in einer sich verändernden Welt braucht es auch die Bereitschaft, sich zu bewegen. Unser christlicher Glaube macht uns dazu Mut, weil er uns zusagt: Gott geht mit, und mit ihm und unter seinem Segen können wir auch heute Veränderungen gestalten und neue Wege und Zugänge zu den Menschen entdecken.
Vor diesem Hintergrund sind die pastoralen Orientierungen zu verstehen, die ich im Januar 2026 veröffentlicht habe. Wir alle erfahren, dass sich das kirchliche Leben verändert, dass so viel Vertrautes und auch Gutes nicht mehr weitergeführt werden kann, weil die Menschen nicht mehr da sind, die alles mit Leben erfüllen, und auch nicht mehr das Geld, mit dem man vieles finanzieren konnte. Diese Veränderungen sind schmerzhaft, das ist keine Frage, denn sie verlangen von uns, so manches loszulassen, an Besitz, an Gebäuden und an hauptamtlichen Stellen, an gewohnten Gottesdienstzeiten und -orten.
Und doch kann aus dieser schmerzhaften Notwendigkeit auch neue Beweglichkeit entstehen. Menschen können entdecken, dass die persönliche Beziehung zum Herrn das tragende Fundament unseres Lebens als Kirche ist, nicht die Hütten, die wir bauen, nicht die Gemeindehäuser und noch nicht einmal unbedingt all die Kirchengebäude. Vielleicht lassen sich manche Menschen neu ansprechen für ein Leben in und mit der Kirche, ja vielleicht sogar für ein Leben als Priester, im Ordensstand oder in einem pastoralen Beruf, wenn sie spüren: Ich kann mich mit meinen Charismen und Fähigkeiten einbringen und muss nicht nur einfach „funktionieren“ und verwalten.
„Du bewegst die Welt.“ So lautet das Motto unseres Erzbistums in diesem Jahr 2026. Es richtet sich an jede und jeden Einzelnen. Alle sind wichtig, damit die Welt sich zum Besseren hinbewegt. Niemand kann sagen: Auf mich kommt es ja nicht an.
Es ist unser spezifisch kirchlicher Auftrag, Menschen Bewegungsfreiheit zu schaffen durch die Verkündigung der Frohen Botschaft, durch die gelebte Überzeugung, dass Gott auch heute und morgen in unserer Welt gegenwärtig ist und mit uns Menschen diese Welt gestalten und aufbauen will.
Nicht einstimmen in das große Jammern
Gerade als Christen brauchen wir nicht einzustimmen in das große Jammern über alles, was nicht mehr so glänzend aussieht wie früher. Wir dürfen vielmehr die feste Hoffnung verbreiten, dass der Herr uns alle miteinander in eine gute Zukunft führen will. Für diese Bewegung in die Zukunft gilt es, Menschen zu gewinnen, sie neu anzusprechen und sich mit ihnen zu vernetzen.
Die Pfarrgemeinderäte, die an diesem Sonntag neu gewählt werden, sind wichtige Gremien für die Gestaltung der Pastoral in der Zukunft. Sie entwickeln oft geniale Ideen, wie die wunderbare Botschaft des Glaubens Menschen heute erreichen kann, trotz größer werdender pastoraler Räume und geringerer Mittel. Sie sorgen an entscheidender Stelle mit dafür, dass wir als Kirche nicht erstarren, sondern in Bewegung bleiben – aufeinander zu, nicht voneinander weg; und dass wir miteinander diejenigen im Blick behalten, zu denen der Herr uns heute sendet. Ich danke allen, die für den Pfarrgemeinderat kandidieren und ich bitte alle Wahlberechtigten, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und so die Kandidatinnen und Kandidaten zu unterstützen.
Bleiben wir also in Bewegung mit unserem Herrn, der uns vorangeht und uns begleitet auf dem Weg.
Dazu segne Euch alle der dreieinige Gott, der Vater + und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Ihr und Euer
Herwig Gössl
Erzbischof von Bamberg
