München (KNA) – Cem Özdemir (60), Grünen-Politiker mit türkischen Wurzeln, war nach eigenen Worten kein echter Revoluzzer. Allerdings sei sein Vater schon geschockt gewesen, als er als Jugendlicher mit Ohrringen, zerrissener Jeans und dem Berufswunsch Kita-Erzieher angekommen sei, erzählte Özdemir der Illustrierten "Bunte". Dieser sei nämlich der Ansicht gewesen: "Ein richtiger Mann strebt keinen solchen Beruf an." Auch dass sein Sohn zu den Grünen gegangen sei, habe ihm nicht gefallen, da er ein großer Fan des SPD-Politikers Willy Brandt gewesen sei.
Die Tatsache, dass er Vegetarier geworden sei, habe seinen Vater aber besonders irritiert, räumte Özdemir ein. "Für ihn war Fleisch ein Symbol für Wohlstand. Ich habe als Kind so viel Currywurst gegessen, das reicht für das ganze Leben." Damals habe es noch keine Ganztagsschule gegeben, so dass er auf sich allein gestellt gewesen sei, weil seine Eltern arbeiteten, führte der Politiker weiter aus. Mit abgezählten eine Mark und sechzig Pfennigen habe er sich ernähren müssen.
"Jeder soll essen, was er will"
"Ich wurde dann nachdenklich, wenn ich neben einem Schlachthof mit Freunden spielte. Aber ich bin nicht missionarisch, jeder soll essen, was er will", betonte Özdemir, der in Baden-Württemberg seinem Parteikollegen Winfried Kretschmann als Ministerpräsident nachfolgen will. Die Eltern hätten seinen Einzug in den Bundestag noch erlebt und seien darüber sehr stolz gewesen. "Das Aufstiegsversprechen muss für alle gelten, die sich Mühe geben und reinhängen. Dieses Versprechen ist leider brüchig geworden. Ich will es erneuern und politisch absichern", versprach der Grünen-Politiker.
