· 

VIele kleine Steinchen für ein großes Mosaik

Gemeinsam mit Thomas Spindler machten sich die Schülerinnen auf die Suche nach Wissenswertem zu Willy Lessing. Foto: Benjamin Kemmer
Gemeinsam mit Thomas Spindler machten sich die Schülerinnen auf die Suche nach Wissenswertem zu Willy Lessing. Foto: Benjamin Kemmer

Bamberg (kem) – Ich bin zurückgekommen, um mit euch zu sprechen, um euch die Hand zu reichen und euch zu bitten, dass ihr die Zeitzeugen sein werdet, die wir nicht mehr lange sein können.“ Mit diesem Satz wird oft die Holocaust-Überlebende Margot Friedländer zitiert, die im Mai vergangenen Jahres gestorben ist. Und es ist so, als ob sich Thomas Spindler und sein Team vom „Projekt 2025 – Arche Musica“ diese Zeilen zu Herzen genommen hätten. Mit dem Projekt „Ich werde Zeitzeuge“ soll eine Plattform geschaffen werden, die alles zum Thema jüdisches Leben in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit für Schulen und jeden anderen Interessierten bereitstellt. 

 

„Es soll ein großes Mosaik werden, zu dem jede Schülerin und jeder Schüler mit ihrer und seiner Arbeit ein kleines Steinchen beitragen kann. So wächst das Ganze nach unseren Vorstellungen zu einer breiten digitalen Recherche-Plattform“, erklärt Thomas Spindler beim Auftakt des Projektes in der Maria-Ward-Realschule in Bamberg. Gemeinsam mit den Neuntklässlerinnen wurde der Plattform so erstes Leben eingehaucht. „Wir wollten die Schülerinnen aber nicht einfach drauf losschreiben lassen. Das wäre nicht zielführend gewesen“, so Spindler. Daher gab es drei Themenblöcke zu denen die Mädchen recherchieren sollten. 

 

Synagogen und Rabbinerin

 

Und so suchten die Schülerinnen nach allem Wissenswertem rund um das Thema „Synagogen in Bamberg“ sowie nach allen Informationen zu Willy Lessing und der Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel. Dabei stand nicht nur das bloße „Googeln“ im Vordergrund. Anhand der Praxisbeispiele und unter Anleitung der Lehrkräfte Nina Huber-Stein und Tim Hufnagl lernten die Jugendlichen auch ein Stück Medienkompetenz: Welche Quellen sind glaubwürdig, wie sehr kann man Antworten von Chatbots vertrauen, welche Seiten dienen maximal zur Inspiration, nicht aber als Fakten-Check und auf welchen Seiten sollten man gar nicht unterwegs sein, wenn man unabhängige Informationen bekommen will. 

 

„Im Vorfeld haben wir viel mit den Lehrkräften und auch mit Schulleiterin Barbara Hauck gesprochen, was wir den Mädchen alles abverlangen können“, so Spindler, der auch weiß, was mit den gesammelten Informationen, die auch im Nachgang zum Projekttag im Unterricht weiter verfeinert wurden, nun geschieht. „Die Schlussredaktion liegt trotzdem bei uns im Projektteam. Wir haben Experten, die noch einmal die Texte der Schülerinnen gegenchecken und dann entweder veröffentlichen oder zurückschicken mit Anregungen und der Bitte um Verbesserung.“

 

So soll eine erste, barrierefreie Datenbank für jüdisches Leben in der jüngeren deutschen Geschichte entstehen. Einen Einblick in eben dieses Leben gab den Schülerinnen im Rahmen des Projekttages auch Tim Kurockin. Der 21jährige Berliner ist jüdischen Glaubens und plauderte mit den Mädchen aus seinem Alltag. Er erzählte von den strengen Regel aufgrund des koscheren Essens, berichtete von regelmäßigen Gebeten und von den hohen Feiertagen. Kurz schlucken mussten die Jugendlichen, als Kurockin berichtete, dass streng gläubige Juden am Sabbat weder ihr Handy zur Hand nehmen, noch Elektrizität benutzen. 

 

Still wurde es, als eine Schülerin fragte, wie sich Kurockin nach dem 7. Oktober 2023, dem Angriff der Hamas, fühlte. „Ich habe Bekannte, die auf dem Nova-Festival gestorben sind und habe danach auch viel mit Überlebenden gesprochen. Seitdem ist vieles wieder schlimmer geworden für uns Juden“, so Kurockin, der selbst aufgrund seiner Position in der jüdischen Community oft unter Polizeischutz steht und auch an der Maria-Ward-Schule Beamte „im Schlepptau“ hatte. Dennoch zeigte er sich mutig und lebensfroh: „Jüdisches Leben ist mehr als Antisemitismus und Verfolgung. Wir feiern das Leben und wollen es auch zeigen.“ Und die Datenbank „Ich werde Zeitzeuge“ kann ein weiteres Mosaiksteinchen dazu beitragen.