Weinheim (KNA) – Die richtigen Worte finden, wenn jemand in seelischer Not ist - das sollte nach Worten einer Psychiaterin an Schulen gelehrt werden. "Wir üben in Erste-Hilfe-Kursen, wie man Menschen in die stabile Seitenlage bringt", erklärte Ute Lewitzka im Interview der Zeitschrift "Psychologie Heute" (März-Ausgabe). Lewitzka ist Deutschlands erste Professorin für Suizidologie sowie Suizidprävention und lehrt an der Universität in Frankfurt.
Manche Menschen hätten monatelang Suizidgedanken, sagte die Expertin. "Aber von der Entscheidung, es wirklich zu tun, bis zur Umsetzung vergehen dann nur etwa zehn Minuten. In diesen zehn Minuten erleben die Betroffenen eine absolute Zuspitzung des Gefühlstunnels, in dem sie sich befinden." Daher müsse die sogenannte Methodenrestriktion in Deutschland noch stärker umgesetzt werden - sprich, der Zugang zu Waffen, giftigen Substanzen, aber auch bestimmten Gebäuden beschränkt werden. "Eine Arbeit über die West Gate Bridge in Australien ergab beispielsweise, dass es dort keine Suizide mehr gegeben hat, seitdem das Bauwerk gezielt gesichert wurde."
Reden hilft gegen das "Schreckgespenst"
Zudem könne Psychotherapie hilfreich sein, wenn jemand Suizidgedanken habe, vor allem eine kognitive Verhaltenstherapie. Allerdings kursierten noch viele Missverständnisse: "Der Suizid ist ein Schreckgespenst in den Köpfen der Menschen", sagte Lewitzka. Viele glaubten, wenn sie jemanden danach fragten, würden sie die Situation schlimmer machen, die Person erst auf diese Idee bringen, oder sie hätten Angst vor einer Antwort, mit der sie nicht umgehen könnten. Aber: "Reden hilft. Es geht in allererster Linie um Beistand, als Freund, Schwester oder wer auch immer. Wichtig ist das Signal: Du bist nicht allein."
Eine Wahrscheinlichkeit für eine Selbsttötung oder einen Versuch lasse sich nicht berechnen, füge die Forscherin hinzu. Zwar seien ältere Menschen, Männer und depressiv Erkrankte stärker gefährdet. "Das heißt aber noch nicht, dass ein älterer Mann mit Depression sich das Leben nehmen wird." Tatsächlich liege jedem Einzelfall "ein komplexes Bedingungsgefüge" zugrunde, in dem soziale, psychische und weitere Faktoren eine Rolle spielten.
