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"Immer mehr Menschen rutschen in Armut ab"

Das Haus in der Siechenstraße beherbergt neben der Wärmestube auch eine betreute Wohngemeinschaft. Beides wird von dem seit 30 Jahren existierenden Projekt „Menschen in Not“ getragen und ist zu fast drei Vierteln spendenfinanziert. Foto: Benjamin Kemmer
Das Haus in der Siechenstraße beherbergt neben der Wärmestube auch eine betreute Wohngemeinschaft. Beides wird von dem seit 30 Jahren existierenden Projekt „Menschen in Not“ getragen und ist zu fast drei Vierteln spendenfinanziert. Foto: Benjamin Kemmer

Bamberg (pm) – Unzählige Bambergerinnen und Bamberger dürften über die zurückliegenden Jahrzehnte bereits an diesem doch recht unscheinbaren, in dezentem Beige gehaltenen Haus, Ecke Siechen- und Löwenstraße, vorbeigefahren, -geradelt oder -gegangen sein. Dass sich hinter den Mauern eine Einrichtung befindet, die sich auf vielfältige und sehr engagierte Art und Weise um Menschen in Armut und ohne Obdach kümmert, dürften die wenigsten wissen. Und dennoch ist sie auch in Bamberg bitter nötig. 

 

„Für eine Stadt in der Größe Bambergs ist so eine Einrichtung eigentlich eher untypisch“, sagt Peter Klein. Der Sozialpädagoge leitet das Projekt „Menschen in Not“, wie es offiziell heißt. Die Wärmestube ist ein Teil davon. „Sie ist sicherlich unser Aushängeschild. Es gibt aber noch weitere Arbeitsschwerpunkte, die wir mit ,Menschen in Not‘ abdecken.“ Dazu zählen unter anderem auch das Begleitete Wohnen, das ÜWO+-Projekt oder eine Beratungsstelle.

 

Einrichtungen wie die Wärmestube gebe es jedoch eher in größeren Städten. Dort sei der Bedarf deutlich größer, so Klein. „Wir sind deshalb natürlich ganz besonders glücklich, dass gerade in einer eher kleineren Stadt wie Bamberg so eine Einrichtung existiert.“ Soweit Klein weiß, ist es die einzige in ganz Oberfranken. „Nötig wären freilich mehr.“

 

17 000 Besuche in 2024

 

Bis zu 80 Personen besuchen täglich die Wärmestube – „und das seit 30 Jahren“, sagt Klein. In dieser Zeit hat „Menschen in Not“, das sich als Anlaufstelle für Arme, Obdach- und Wohnungslose versteht, still und leise seine Spuren hinterlassen. Dass insbesondere die Wärmestube auch in einer Stadt wie Bamberg zwingend erforderlich ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Alleine im Jahr 2024 verzeichnete die Einrichtung insgesamt 17 000 Besuche. Während der Mittagszeit herrscht Hochbetrieb. Denn dann gibt es Mittagessen und Getränke und die Menschen können sich im Warmen aufhalten. „Normalerweise haben wir pro Tag bis zu 30 Mittagstisch-Gäste, zum Monatsende, wenn das Geld bei vielen knapp wird, werden es oft auch mal 50“, sagt Klein. 

 

Entscheidend ist: die Mittagsverpflegung ist kostenlos. Und obwohl viele Besucher Transferleistungen beziehen, reichen diese Mittel nicht aus, um stabil über den gesamten Monat zu kommen. „Das Mehr an Bürgergeld wurde längst durch Inflation und Preissteigerungen aufgefressen“, sagt Klein. Für Menschen, die arm und/oder obdachlos sind, sei diese kostenlose „physische Grundversorgung“, wie Klein sie nennt, deshalb wesentlich. „Aber auch die soziale Grundversorgung kommt bei uns nicht zu kurz.“

 

„Gespräche sind wichtig“

 

Menschen wie Elisabeth, Irmgard und Margit (Namen von der Redaktion geändert) kommen jeden Tag hierher. Es ist halb zwölf. Die drei Freundinnen spielen Kniffel, unterhalten sich und warten aufs Mittagessen. Die Tafel an der Durchreiche verrät: Heute gibt es „Fleischküchla“ mit Bratkartoffeln und Gurkensalat. „Die Gespräche und der Austausch mit den beiden sind mir sehr wichtig. Gerade dann, wenn es einer von uns mal nicht so gut geht, sprechen die anderen ihr Mut zu“, sagt Margit, deren Ehemann zwar einem regulären Job nachgehe, weil aber das Geld eigentlich immer knapp sei und sie zu Hause nicht alleine sein wolle, komme sie jeden Tag hierher.

 

Sozialer Austausch und Zusammenhalt sind gerade für Menschen am sogenannten Rand der Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit. „Einrichtungen wie die Wärmestube zeigen geradezu vorbildlich, wie ganz konkrete, praktische Hilfe aussehen kann“, sagt Michael Endres, Caritasdirektor und Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg e. V. Sie würden obdach- wie wohnungslosen und armen Menschen eine Perspektive und das Gefühl geben, ein wertvoller Teil der Gemeinschaft zu sein. Diese immens wichtige Arbeit dürfe die Gesellschaft, aber auch die Politik niemals hinten anstellen. „Denn was wäre Deutschland oder eine Stadt wie Bamberg ohne Orte wie ‚Menschen in Not‘, denen eine wichtige Ergänzungsfunktion im Sozialstaat zukommt?“, fragt Endres. Eine konstruktive Antwort auf diese Frage zu finden, bleibe weiterhin die große Herausforderung, mit denen sich Wohlfahrtsverbände und Politik konfrontiert sehen.

 

Denn klar ist: Die Zahl jener Menschen in Bamberg, die auf Einrichtungen wie die Wärmestube angewiesen sind, wächst weiter an. „Immer mehr Menschen in Bamberg rutschen in Armut ab“, weiß Klein. Indikator dafür ist die Anzahl der Postfächer, die „Menschen in Not“ für Arme, Obdach- und Wohnungslose betreibt. Waren es vor etwa 20 Jahren noch gut 30, sind die Zahlen während und nach Covid geradezu explodiert. Heute verwaltet die Wärmestube 150 Postfächer.

Dabei ist Bamberg gar keine typische Obdachlosen-Stadt. Insgesamt gebe es hier vielleicht 20 Personen, die auf der Straße leben, schätzt Klein. „Die meisten Menschen, die uns besuchen, sehen sich eher mit Wohnungslosigkeit konfrontiert.“ Diese Personen erscheinen aber nicht unbedingt in der offiziellen Statistik, weil Betroffene in der Regel bei Freunden, der Familie oder anderswo unterkommen, sich nicht registrieren lassen und deshalb nicht erfasst werden. Die Dunkelziffer dürfte insofern wesentlich größer sein, als jene der Registrierten.

 

 Ein Dach über dem Kopf

 

Dass dieser konkrete Bedarf auch in Bamberg existiert, zeigt sich bei „Menschen in Not“. Auch deshalb hat die von der Caritas und dem Diakonischen Werk getragene Initiative, ihre Arbeitsbereiche entsprechend erweitert. So gibt es ein Begleitetes-Wohnen-Projekt mit integrierter WG. Die Wohngemeinschaft, ebenfalls im Haus in der Siechenstraße, bietet Platz für insgesamt fünf Männer. Die strikt drogen- und alkoholfreie Wohngruppe wird von einer sozialpädagogischen Fachkraft betreut. Ziel ist es, aus der WG heraus obdachlosen Männern den Übergang vom Leben auf der Straße hin zu einer eigenen Wohnung zu erleichtern bzw. Betroffenen, die erst kürzere Zeit ohne eigene Wohnung leben, vor einem Abdriften in eine sich verstetigende Obdachlosigkeit zu bewahren.

 

„Im Idealfall dauert der Aufenthalt in der WG sechs bis zwölf Monate“, sagt Klein. In dieser Zeit sollen sich die Bewohner an das Leben im eigenen Zimmer gewöhnen und entsprechende Anträge auf Transferleistungen stellen. Danach stehe dann die Wohnungs- und gegebenenfalls die Arbeitssuche im Vordergrund.

 

Erfolgreiches Übergangswohnen

 

Seit 2019 existiert außerdem das ÜWO+-Projekt (Übergangswohnen, ÜWO), ebenfalls für Männer. In den Startlöchern steckt ÜWO+ für Frauen. „Alle Projekte profitieren von der wirklich sehr guten Zusammenarbeit mit der Stadtbau GmbH. Dort können sich die von uns ausgewählten Kandidaten vorstellen bzw. auf eine freie und bezahlbare Wohnung bewerben“, beschreibt Klein den Prozess, der nach seinen Worten sehr erfolgreich verläuft. Gut 85 Prozent der ausgewählten Kandidaten konnte ÜWO+ zu einer eigenen Wohnung verhelfen. Dabei handelt es sich um insgesamt 25 ehemals obdachlose bzw. wohnungslose Personen.

 

Es versteht sich von selbst, dass „Menschen in Not“ auch erhebliche finanzielle Ressourcen beansprucht. „72 Prozent des Aufwands, der hier betrieben wird, ist durch Spenden gedeckt“, sagt Klein. Es sei jedes Jahr spannend, ob tatsächlich genügend Spenden zusammenkommen. „Aber gerade in der Advents- und Weihnachtszeit haben wir bisher noch immer die Kurve gekriegt“, weiß Klein. Hilfreich sind dabei auch die 20 ehrenamtlichen Kräfte, die sich für „Menschen in Not“ einsetzen. „Ohne die Ehrenamtlichen würde es nicht funktionieren. Sie sind unser Rückgrat und tragen de facto das gesamte Projekt.“ Und so hofft er, dass die Unterstützung nicht nachlässt. „Für immer mehr Menschen sind Orte wie die Wärmestube tatsächlich ein Ort der Hoffnung.“ Für Klein käme es einer Katastrophe gleich, wenn ihr Fortbestand nicht gesichert wäre.

Aber auch Klein ist Realist. „Armut hat immer Konjunktur, in guten wie in schlechten Zeiten“, sagt er. Die meisten bedürftigen Menschen, die in die Wärmestube kommen, würden den Rest ihres Lebens in Armut verbringen. Ganz einfach aus dem Grund, weil viele von ihnen auch unter psychischen und physischen Einschränkungen leiden. Dadurch bleibe ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt und diese Menschen seien nicht in der Lage, ihr Leben aus eigener Kraft zu bestreiten. „Insofern ist es für mich persönlich auch nach all den Jahren, die ich hier tätig bin, immer wieder ein sehr schönes Gefühl, wenn wir das tägliche Leben jener Menschen etwas erleichtern können und ihnen zeigen, dass wir ihre Not sehen, dass wir einfach für sie da sind und dafür ein Lächeln bekommen.“

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