
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht haben Sie selbst zu Hause eine Weihnachtskrippe. Und wenn Ja, dann hat sie bestimmt einen festen Platz. Immer steht sie unter dem Christbaum oder auf dem Tisch, in einer Nische der Schrankwand oder auf einer Kommode. In manchen Häusern in unserem Erzbistum gibt es sogar die Tradition, das ganze Wohnzimmer während der Weihnachtszeit zu einer Krippenlandschaft umzugestalten. Die Nachbarn und auch fremde Besucherinnen und Besucher kommen dann, um diese Großkrippe zu besichtigen und zu bestaunen.
In der Krippenausstellung unseres Bamberger Diözesanmuseums findet sich in diesem Jahr eine sehr ungewöhnliche Darstellung der Geburt Christi. Sie wurde vor zwei Wochen bereits im Heinrichsblatt vorgestellt und war sicher inspirierend für den Titel der diesjährigen Krippenausstellung: „Frisch gewaschen in die Zeitenwende“. Es handelt sich dabei um eine Installation des Künstlers Jörg Länger. Wahrscheinlich würden sie sich wohl nicht viele zu Weihnachten ins Wohnzimmer stellen.
Auf einem gebräuchlichen Wäscheständer sind die Krippenfiguren arrangiert, nur gezeichnet als Konturen aus den Illustrationen uralter Bamberger Handschriften, wie der Bamberger Apokalypse oder dem Perikopenbuch Heinrichs II. Gezeichnet sind die Umrisse auf strukturierten Nesselstoff, der von altertümlich anmutenden Sturmwäscheklammern gehalten wird. Und dieser Wäscheständer steht vor einem großen Bild, auf dem aus dem Goldgrund die Kontur der Gottesmutter mit Kind, genauer gesagt der Muttergottesstatue aus der Oberen Pfarre, hervortritt.
Ich kann hier nicht alle Einzelheiten dieser ungewöhnlichen Krippendarstellung beschreiben und deuten. Nur ein paar Gedanken möchte ich mit Ihnen teilen, die mir beim Betrachten dieser Krippe gekommen sind: Der Wäscheständer ist kein Ausstellungsobjekt. Es ist ein Alltagsgegenstand, benutzt, um die saubere Wäsche zu trocknen. Wenn er nicht gebraucht wird, räumt man ihn in der Regel weg. Wenn es sich vermeiden lässt, stellt man ihn nicht im Wohnzimmer auf.
Mir sagt diese Verbindung mit der Krippendarstellung: In Jesus Christus ist Gott ganzer Mensch geworden, ist mitten hineingeraten in unseren banalen Alltag, dorthin, wo die Wäsche gewaschen und getrocknet wird, wo man sich Gedanken macht um die Kleidung. Ich bin überzeugt: Auf der ganzen Welt ist es Eltern wichtig, ihren Kindern etwas Ordentliches zum Anziehen zu geben, und wie oft gelingt das nicht. Ich denke da an die Flüchtlingslager im Sudan, an die Obdachlosen im Gazastreifen, an Menschen, die auf der Flucht nur das nackte Überleben sichern konnten. In diese Welt begibt sich Gott. Das ist mitgemeint, wenn das Konzil von Nizäa vor 1700 Jahren im Glaubensbekenntnis festgehalten hat, Jesus sei „eines Wesens mit dem Vater“.
Dieser Gedanke wird noch eindrücklicher, wenn man sieht, dass der Wäscheständer vor dem goldglänzenden Bild mit dem Umriss der Gottesmutter steht, die in ihren Armen Jesus hält. Sowohl die Frömmigkeit des gläubigen Volkes als auch die Glaubensaussagen der Kirche haben quer durch die Jahrhunderte festgehalten, dass Jesus wahrer Gott ist.
Diese Überzeugung hat in Bildern und Darstellungen häufig Niederschlag gefunden, vor allem durch den Goldglanz, der ein Zeichen für die göttliche Sphäre ist. Zu wenig deutlich war dabei vielleicht die Tatsache, die im Glauben der Kirche ebenfalls festgehalten ist: dass Jesus Christus auch wahrer Mensch ist. Dies wird in der Krippendarstellung von Jörg Länger ausgedrückt. So kann ein einfacher Wäscheständer zu einer Erklärungshilfe für eine dogmatische Aussage werden.
Die Darstellung des neugeborenen Jesus, nur im Umriss gezeichnet, wirkt befremdlich. Wenn man das Bild unabhängig von der Krippe sehen würde, wüsste man es wohl nicht richtig zu deuten. Mich erinnert diese Darstellung zuerst an einen Wurm oder eine Made. Und auf diesem Hintergrund erkenne ich dann doch wieder einen Zusammenhang mit Jesus, dem Herrn und Erlöser. Ich höre die Worte aus Psalm 22, die Christen von Anfang an auf Jesus bezogen haben, und wo es heißt: „Ich aber bin ein Wurm, und kein Mensch; der Leute Spott, vom Volk verachtet.“ (Ps 22,7) So klein und arm, so ausgeliefert und verletzlich hat sich Gott in der Menschwerdung gemacht.
Konturen laden zum Nachdenken ein
Ja, die Konturen, die äußeren Umrisse, mit denen die Figuren beschrieben sind, sie laden wirklich zum Nachdenken ein. Wie oft nehmen wir Menschen und Ereignisse nur äußerlich wahr, nur schemenhaft, ohne genauer hinzusehen, ohne mehr wissen zu wollen? Ich weiß ja schon, wie der ist oder was die denkt. Viele Missverständnisse kommen auf diese Weise zustande. Oft sind sie die Grundlage für Vorurteile und Zwietracht. Wenn Gott Mensch wird, dann will er damit deutlich machen: Jede und jeder einzelne ist etwas Besonderes, geheimnisvoll, nicht immer nur einfach vielleicht, aber immer kostbar. Weihnachten lädt uns ein, mit dem Blick Gottes genauer hinzuschauen und im Blick des Gegenübers den Bruder und die Schwester zu sehen.
Deutlich zu unterscheiden von den Menschen und Menschengruppen sind die Darstellungen der Tiere. Auch wenn man nur Konturen sieht, ist klar, wo Menschen und wo Tiere sind. Mit dieser Einteilung tun wir uns leicht. Sie hilft dabei, die Tier- und Pflanzenwelt zu nutzen und eben oft auch auszunutzen.
Die Tatsache, dass Ochs und Esel, Schafe und manchmal auch noch alle möglichen anderen Tiere an der Krippe Platz haben, sagt mir: Gottes Schöpfung ist größer, wir gehören zusammen in dem gemeinsamen Haus, wie es Papst Franziskus nannte, und wir Menschen haben eine Verantwortung für den Erhalt der Schöpfung. Ja, „die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes“ (Röm 8,19).
Bei einer Tierdarstellung war ich mir nicht sicher: Ist das jetzt ein Schaf oder ist es ein Wolf? Natürlich vermutet man zuerst ein Schaf an der Krippe, die Ohren des Tieres aber erinnerten mich eher an einen Wolf. Der Wolf im Schafspelz ist ein Synonym für Menschen, die es nicht ehrlich mit mir meinen, die sich lammfromm geben, aber in Wirklichkeit nur ihre eigenen Vorteile im Blick haben und bereit sind, die anderen auszunehmen, wo es nur geht.
Vermutlich fallen uns dazu schnell konkrete Personen ein – natürlich immer die anderen. Aber wenn ich ehrlich bin, werde ich zugeben, dass auch unter meiner ganz arglosen Oberfläche sich manchmal ein kleiner Wolf verbirgt, der nur überlegt, wie er selbst gut dastehen und mit Gewinn vom Platz gehen kann. Weihnachten sagt mir: Gott ist Mensch geworden, damit wir immer mehr zu Menschen werden können, die einander nichts vormachen, sondern echt und authentisch und vor allem friedliebend sind. Denn der Friede, den die Engel den Hirten auf den Feldern von Betlehem ankündigen, er verlangt Offenheit, Ehrlichkeit und die Bereitschaft zu solidarischem Verhalten.
Frisch gewaschen in die Zeitenwende – das Motto der Krippenausstellung im Bamberger Dommuseum lässt aufhorchen. Was ist da frisch gewaschen und was bedeutet in diesem Zusammenhang „Zeitenwende“?
Dass sich die Zeiten geändert haben, erfahren wir beinahe täglich im Blick auf das Weltgeschehen. Die Verunsicherung unter den Menschen ist dementsprechend groß. Und viele versuchen, mit einer weißen Weste dazustehen, für nichts Verantwortung zu übernehmen, um sich nur ja die Finger nicht schmutzig zu machen. Kann das mit diesem Motto gemeint sein? Ich denke nicht.
Weihnachten ist das Fest der großen Zeitenwende, wir berechnen unsere Zeit nach Christi Geburt. Gott hat damals die Zeit gewendet, nicht zum Schlechteren, sondern zum Besseren, und er gibt uns heute die Möglichkeit, zu neuen Menschen zu werden, wie frisch gewaschen. Keinen hat er abgeschrieben. In dieser Botschaft liegt eine Hoffnung, die unserem Leben Zukunft gibt. Aus dieser Hoffnungsbotschaft heraus lässt sich immer wieder, am besten jeden Tag, neu beginnen.
Ich wünsche Euch und Ihnen allen von Herzen ein frohes und friedvolles Weihnachtsfest. Die Erinnerung an die göttliche Zeitenwende möge uns durch alle Tage des neuen Jahres begleiten, damit es zu einem Jahr des Segens, zu einem Jahr des Herrn werde.
Bamberg, im Advent 2025
Ihr und Euer Erzbischof
+ Herwig Gössl
