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Deutung und Missdeutung der Heiligen Schrift

Bibeltexte atmen das unterschiedliche Verständnis jener, die sie lesen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen kreativem Deuten und Verdrehen? Diesen Fragen geht die Sonderausstellung „Wer hat das letzte Wort?“ nach. Foto: Bernd Buchner
Bibeltexte atmen das unterschiedliche Verständnis jener, die sie lesen. Wo aber verläuft die Grenze zwischen kreativem Deuten und Verdrehen? Diesen Fragen geht die Sonderausstellung „Wer hat das letzte Wort?“ nach. Foto: Bernd Buchner

Nürnberg (buc) – Eine kleine, aber feine und durchaus ertragreiche Ausstellung ist zurzeit im Bibelmuseum Bayern in Nürnberg zu sehen: „Wer hat das letzte Wort? Die Bibel lesen – zwischen Deuten und Verdrehen“. Es ist die erste wirklich theologische Schau in dem vor knapp vier Jahren eröffneten Haus, was ein wenig verwundern mag, doch bisher widmeten sich die jährlichen Sonderausstellungen eher historisch-kunstgeschichtlichen Themen.

 

Nun ist das anders: Anlässlich des Gedenkens an das Nürnberger Religionsgespräch von 1525, mit dem die damalige Reichsstadt vor 500 Jahren evangelisch wurde, können Besucher im Bibelmuseum bis Ende April der Frage nachgehen, wie die biblischen Texte im Lauf der Geschichte kreativ gedeutet, umgedeutet, auch missbraucht und instrumentalisiert worden sind.

 

Ein Bestseller mit Zukunft

 

Die Bibel gilt für Juden wie für Christen als heiliges Buch, ohne ihren räumlichen und zeitlichen Erfahrungsschatz ist die europäische Kulturgeschichte nicht denkbar, und nicht zuletzt ist sie ein Weltbestseller mit ungebrochener Bedeutung für Gegenwart und Zukunft. Die Worte im Alten und Neuen Testament entfalten Wirkung – sie trösten, geben Hoffnung, spenden Sinn. Sie begleiten Menschen auf persönlichen Lebenswegen ebenso wie in Medien und Politik.

 

Doch wird die Bibel häufig auch gezielt eingesetzt, um bestimmte ideologische Haltungen zu untermauern oder gar Kriege zu rechtfertigen. So verkam das „Gott mit uns“ zum Schlachtruf zahlreicher Heere, Geistliche segneten Waffen und Soldaten. Der christliche Nationalismus bediente sich nicht nur im Ersten Weltkrieg aus der Heiligen Schrift. Prekäre Brücke zur Gegenwart: Heute führt US-Präsident Trump mit der Bibel in der Hand regelrechte Feldzüge gegen die freiheitlich-liberale Ordnung des Westens, während der Moskauer Patriarch Kyrill den mörderischen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine unterstützt.

 

Der provokant gemeinte Titel „Wer hat das letzte Wort?“ betrifft aber nicht nur Politik und Theologie, sondern auch Familie und Gesellschaft, wie Museumsleiterin Astrid Seichter erläutert. Die Ausstellung lädt zum Mitmachen und Diskutieren ein, will die Besucher ins Gespräch miteinander bringen. An mehreren Stationen können sie sich mit Themen interaktiv auseinandersetzen. Die Kuratoren Antonie Bassing-Kontopidis, Daniel Schubach und Heiko Quinkler sind mit ihren Meinungen präsent und animieren zugleich die Gäste, eigene Standpunkte zu entwickeln.

 

Die Verantwortlichen gehen davon aus, dass sich der Umgang mit Bibeltexten kaum von jenem mit anderen Quellen unterscheidet – ob in Medien, in Politik oder im Alltag. So gelingt ihnen fast nebenher auch ein Beitrag zum kritischen Herangehen an Texte und Botschaften, zur bewussten Auseinandersetzung mit ihnen, ob in der Bibel oder anderswo.

Thematisiert wird auch die spannende Frage, ob man mit Religion Reklame machen darf. Sollte da Vincis berühmtes Abendmahlsbild zum Trinken von Anisschnaps animieren? Oft wird die Bibel zur Projektionsfläche für Sehnsüchte, Moral- und Marketingbotschaften. Begriffe wie „Teufel“, „Sünde“ oder „Retter“ haben längst Einzug in die säkulare Gesellschaft gehalten.

 

Doch christliche Botschaften verschwinden nicht gänzlich aus ihr, wie etwa ein Schuh der Fußball-Nationalspielerin Giovanna Hoffmann zeigt, der in der Ausstellung zu sehen ist. Neben den schwarz-rot-goldenen Farben steht dort der Schriftzug „Jmg“, Jesus my goal. Das englische „goal“ kann Tor, aber auch Ziel heißen. Bernd Buchner