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Wenn bewunderte Führungsfiguren zu Tätern werden

München (KNA) – Sophie Ruhlig hat Herzklopfen. Die Frau mit den langen, weißen Haaren sitzt am Donnerstag im Münchner Presseclub am Podium und hat das Wort. Zu reden fällt ihr nicht leicht. Sie tut es dennoch, mit durchaus fester Stimme. Denn niemals hätte sie geglaubt, dass sie nach rund 46 Jahren darüber öffentlich sprechen könnte und ihr auch zugehört würde: darüber, dass sie als Mädchen zwei Jahre lang von ihrem Pfadfinderführer missbraucht worden sei. Als Einzelfall stufte sie ihr Schicksal ein. Dass dies nicht stimmt, zeigt eine Studie, die der interkonfessionelle und überparteiliche Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) in Auftrag gegeben hat.

 

Das Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung sowie das in Berlin ansässige "Dissens - Institut für Bildung und Forschung" haben die Untersuchung durchgeführt. Von 2021 bis 2023 erforschten sie, in welcher Weise es von 1976 bis 2006 zu sexualisierter Gewalt im BdP gekommen ist. Als Datengrundlage dienten 56 qualitative Interviews mit 60 Personen, davon 26 Betroffene, 22 Zeitzeugen, 7 Schlüsselpersonen und 5 Experten. Dazu kam Aktenmaterial aus verschiedenen Verbandsarchiven. 103 Betroffene sexualisierter Gewalt wurden ausfindig gemacht, als Beschuldigte 36 Personen, überwiegend männliche.

 

Es sei erschreckend, erklärt Ruhlig, welche Vielfalt des Missbrauchs möglich gewesen sei. Die Bezeichnung "Betroffene" hört sie nicht gern. Denn da fühle man sich "klein". Besser gefalle ihr "Erfahrene". Am Herzen liegt es der Frau, jene zu ermutigen, die sich bisher nicht getraut hätten, über das Schlimme zu reden, was ihnen bei den Pfadfindern passiert sei. "Das ist der richtige Weg." Das Schweigen binde einen an den Täter und nehme einem wertvolle Lebensenergie - seelisch und körperlich.

 

Dafür die rechten Worte zu finden und einen zuhörbereiten Menschen, ist nicht leicht, wie Ruhlig selber erfahren hat. Auch sie habe die Unterstützung von ihrer Familie gebraucht: von der Zwillingsschwester und der 85-jährigen Mutter. Lang genug habe der Täter einem ja eingeredet: "Dir glaubt sowieso niemand und du machst ja auch mit." Sie sei in Angst gewesen, die Gemeinschaft der Pfadfinder zu verlieren. Und schließlich: "Ich wollte wild sein, wollte mich ausprobieren."

 

Der Studie zufolge waren die mutmaßlichen Täter meist Leitungsfiguren. Auch Ruhligs Gruppenführer muss wohl charismatisch gewesen und bei den jungen Leuten gut angekommen sein. Eine "Hoheit", nennt ihn Ruhlig, etwas "spooky" und auch ein Stück durchgeknallt. Für Mutproben habe er die Kinder schon mal an sein Auto angebunden und sei dann über holprige Feldwege gefahren, eine andere Variante sei gewesen, im Kofferraum liegend kurvenreiche Strecken auszuhalten. Wer bestanden habe, sei der Held gewesen.

 

Einmal habe sie der Pfadfinderhund gebissen, erinnert sich Ruhlig. Die Wunde sei nur notdürftig vom Leiter verarztet worden. Da habe ihre Mutter eine Anzeige erwogen. Doch der Vater habe sie gebremst mit dem Argument, nicht die Zukunft dieses jungen Menschen in Gefahr zu bringen. Oft hätten sich Familien mit dem Täter solidarisiert, das spiegele auch die Studie wider, sagt die "Erfahrene". Sie will deshalb weiter Aufklärung betreiben und Ansprechpartnerin für jene bleiben, die jetzt noch im Dunkelfeld verharren.

 

Dem BdP bescheinigt Ruhlig ernsthaften Willen zur Aufklärung. Von Abschluss könne aber keine Rede sein. Hoffnung setzt sie auf die noch geplanten Begegnungen des Verbands mit Betroffenen. BdP-Vorstandmitglied Dustin Schmidt räumt ein, dass dies alles schmerzhaft sei. Zugleich verspricht er, individuelle Lösungen im Gespräch mit jenen finden zu wollen, die solches Leid bei den Pfadfindern erfahren hätten.