· 

Detlef Zander: EKD-Studie wird ein Beben auslösen

Berlin (KNA) – Er hat die Hölle auf Erden erlebt: Aus der Familie wird Detlev Zander schon als Baby genommen, weil die Verhältnisse dort schwierig sind. Mit drei Jahren kommt er in das Kinderheim der Evangelischen Brüdergemeinde in Korntal bei Stuttgart. Der Horror beginnt im Fahrradkeller. Mit vier Jahren landet er das erste Mal dort, ein Betreuer missbraucht ihn dort und fesselt ihn dazu auf eine Werkbank.

 

Er erzählte das Erlebte einer Erzieherin, sie glaubt ihm nicht, sagt, dass er lügt und schlägt ihn grün und blau. Und so wiederholt sich der Missbrauch in den 60er- und 70er-Jahren, in denen Zander in dem Heim lebt, noch zigmal, manchmal sogar zwei Mal am Tag, wie er erzählt. "Oben wurde gebetet, unten gefoltert", erzählt er bitter.

 

Er schweigt darüber mehr als drei Jahrzehnte, hat Suizidgedanken, er wird nach der Schule Krankenpfleger, heiratet und bekommt zwei Kinder, die Ehe scheitert. Er schafft es nicht, länger in einer Beziehung zu leben. Dann - vier Jahre nach dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals im Berliner Canisius-Kolleg und anderen Institutionen - bricht es vor zehn Jahren aus ihm heraus "wie bei einem Tsunami", so erzählt es Zander, inzwischen Anfang 60.

 

Sehr schnell spricht er auch öffentlich über das Erlebte und drängt die Heimleitung dazu, die Geschehnisse in dem Heim aufzuarbeiten. Es fanden sich schnell mehr Betroffene und Zander wurde deren Sprecher. Seit fast vier Jahren ist er auch auf Bundesebene tätig, er gehörte dem Betroffenenbeirat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) an. Nach diversen Unstimmigkeiten mit dem Beauftragtenrat und Streit zwischen den Mitgliedern ist er zudem seit rund zwei Jahren in dem neu aufgestellten Beteiligungsforum. Damit finde endlich eine echte Beteiligung Betroffener statt, so Zander.

 

Welchen Ausschlag deren Stimme zeigt, hat nicht zuletzt der Rücktritt von Annette Kurschus als EKD-Ratsvorsitzende im vergangenen November gezeigt. Ihr war vorgeworfen worden, in einem Fall sexuellen Fehlverhaltens eines Kirchenmitarbeiters versucht zu haben, dieses zu vertuschen. Zunächst war es vor allem das Beteiligungsforum, das sie zum Rücktritt drängte.

 

Zander sitzt auch im Beirat für die Missbrauchsstudie, die die EKD vor gut drei Jahren für rund 3,6 Millionen Euro in Auftrag gegeben hat. Bei der Vorstellung am 25. Januar in Hannover wird er mit auf dem Podium sitzen und ein Statement abgeben. Wie so viele, die sich mit dem Thema beschäftigen, geht er von einer weitaus höheren Zahl von Opfern aus als von den rund 900 bislang bekannten. Er ist sich sicher: "Das wird ein Beben auslösen". Und die Ergebnisse müssten dann Folgen für Strukturen der EKD und der Diakonie haben.

 

Zander betont, er habe seine schrecklichen Erlebnisse inzwischen einigermaßen gut verarbeitet, es gebe aber immer wieder Einbrüche, so beschreibt er es. Geholfen haben ihm Gespräche und Therapien, aber auch ein Buch, das er geschrieben hat. Titel: "Und Gott schaut weg". Zudem hat er am Dokumentarfilm "Wir Kinder aus Korntal" mitgewirkt, der erstmals im vergangenen Jahr gezeigt wurde.

 

Seine Arbeit als Krankenpfleger kann er seit einigen Jahren nicht mehr ausüben, mit einer durch das Opferentschädigungsgesetz zugesprochene Rente kommt er aber ganz gut klar, wie er selbst sagt. Er weiß, dass es vielen der Betroffenen sehr viel schlechter geht. Ein Aufarbeitungsbericht listet später Geschichten von 105 ehemaligen Heimkindern auf, bis zu 300 Kinder seien Opfer von psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt geworden. 81 Täter werden benannt, acht davon Intensivtäter.

 

Anders als viele andere Betroffene ist Zander noch Mitglied der evangelischen Kirche. Den Glauben könne ihm niemand nehmen, so Zander. Und er wohnt auch direkt gegenüber einer evangelischen Kirche. Das störe ihn nicht, meint er. Im Gegenteil: Das sporne ihn an für seine Tätigkeit im Kampf für mehr Gerechtigkeit, so formuliert er es. Im Beteiligungsforum will er weiter tätig denn sein und dazu beitragen, Menschen, die Würde wiederzugeben, denen sie genommen worden sei. Und dafür, dass es für die Täter, so ergänzt er, keinen Schutzraum mehr gibt.