Heinrichsblatt

Alle Nachrichten

Viel Zeit für Gespräche, Stille und Gebet

Nach dem tragischen S-Bahn-Unglück an der Haltestelle Frankenstadion sind Seelsorger im Dauereinsatz


Foto: Christoph Gahlau

Heroldsberg – Neuland. Es werde wohl viel Neuland in den nächsten Wochen noch auf ihn zukommen. Der Heroldsberger Gemeindereferent Bernhard Wolf wählt seine Worte mit Bedacht. Denn nach dem tragischen Tod von zwei Jugendlichen aus Heroldsberg ist momentan fast nichts mehr, wie es war.
„Wir haben eine Welle der Solidarität erfahren“, sowohl von Jugendlichen wie auch von den Eltern, berichtet Wolf dem Heinrichsblatt am Montag nach der Bestattung der beiden 16-Jährigen. Und er räumt ein, dass das Begräbnis der beiden Jugendlichen, die er schon viele Jahre persönlich kannte, ihn Vieles abverlangte. „Das hat ganz viel Kraft gekostet.“
Diakon Siegfried Gottanka war noch wach, als ihn um 0.23 Uhr die Alarmierung der Leitstelle erreicht. Innerhalb kürzester Zeit sind acht Notfallseelsorger am Unglücksort – der S-Bahn Haltestelle Frankenstadion.
Etwa 150 bis 200 junge Menschen befinden sich auf dem Bahnsteig, erinnert sich Gottanka. Die Polizei ordert zwei Busse, damit die Jugendlichen bei der Kälte und dem Schneefall nicht draußen stehen müssen. Helfer verteilen Tee, Decken und Essen. Gottanka geht in einen der bereitstehenden Busse, verteilt mit Tee und steht für Gespräche zur Verfügung. Die Todesnachricht von zwei Jugendlichen macht zu diesem Zeitpunkt schon die Runde. Die Stimmung, so berichtet Gottanka, sei gekippt. Die Fröhlichkeit der Jugendlichen, die aus einer nahegelegenden Jugenddiskothek kamen, schlägt in Trauer um.
Polizisten, begleitet von Gemeindereferent Wolf und dem evangelischen Pfarrer Thilo Auers, kommen an diesem Samstag die schreckliche Aufgabe zu, den Familien die Todesnachricht zu überbringen. Auch hier stehen die beiden Seelsorger für Gespräche zur Verfügung.
Die Nachricht von dem Tod der beiden 16-Jährigen macht in der rund 8500 Einwohner zählenden Marktgemeinde in Windeseile die Runde. Der Vater von einem der beiden ums Leben gekommenen Jugendlichen war Mitorganisator von einer geplanten Benefizveranstaltung von Tuspo Heroldsberg zugunsten eines Kunstrasenplatzes. Die beiden Jugendlichen spielten in der A-Jugendmannschaft des Vereins. Einer engagierte sich zudem als Trainer einer Kindermannschaft.
Die Benefizveranstaltung wird kurzfristig abgesagt. Stattdessen  kommen nach Schätzungen von Gemeindereferent Wolf zwischen 400 und 500 Menschen zu einer kurzen Andacht in die katholische Kirche St. Margaretha.
Beide ums Leben gekommene Jugendliche waren katholisch, einer von ihnen war Ministrant und bis zuletzt Mitglied des Zeltlagerteams. „Sie waren durch ihre vielfältigen Aktivitäten sehr gut vernetzt“, erzählt Wolf. Der Heroldsberger Gemeindereferent entscheidet schließlich die Kirche Tag und Nacht geöffnet zu lassen, ebenso die Jugendräume. Viele Jugendliche hätten diese Angebote genutzt, sich getroffen, geredet, ausgetauscht und auch gebetet.
Und die beiden getöteten Jugendlichen sind von ihren Altersgenossen nicht vergessen. In einem der Jugendräume hängt schon ein Foto, das sie fröhlich grinsend in Badeshorts zeigt. Die kontinuierliche Jugendarbeit in den vergangenen 30 Jahren hätte sich bezahlt gemacht, meint Wolf. Viele Jugendliche konnten sich in ihrer Trauer gegenseitig tragen. Und er selbst und Mitglieder des Firmteams hätten für Gespräche immer zur Verfügung gestanden.
Nach dem ersten Schock hätten nun plötzlich viele Aufgaben, die abgearbeitet werden mussten, angestanden. Absprachen mit der Kommune, mit dem Bestattungsinstitut und natürlich auch mit den hinterbliebenen Familien. Alle anderen Termine, die verschiebbar waren, wurden abgesagt. Ein Treffen der Firmlinge – in Heroldsberg wird in der Regel im Alter von 15 Jahren gefirmt – wird zwar nicht abgesagt, aber thematisch an die aktuelle Situation angepasst.
Zwischen 70 und 75 Stunden habe er in der vergangenen Woche gearbeitet, schätzt Wolf. Rückblickend spricht er von der „gravierendsten Woche“ in den 30 Jahren seit er in Heroldsberg sei. In diesen Tagen führt er unendlich viele Gespräche mit unterschiedlichen Betroffenen. Bei diesen Treffen sei immer auch die Gelegenheit dagewesen zu Stille, zum Gebet.
Eine Woche nach dem tragischen Unglück begleiten rund 800 Menschen die beiden Jugendlichen auf ihrem letzten Weg. „Hilflos suchen wir nach einem Sinn, nach dem Großen und Ganzen“, sagte Wolf bei der Trauerfeier. „Die Frage nach dem „WARUM“ ist wie eine Peitsche in unserem Kopf“. Es sei der Glaube und das Gebet, die die Kraft zum Weiterleben geben würden.
Gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Thilo Auers leitete Gemeindereferent Bernhard Wolf  den Trauergottesdienst  und die anschließende Beerdigung. Rund zwei Drittel der Trauernden seien Jugendliche gewesen, berichtet Notfallseelsorger Wolfgang Janus. Zusammen mit einem weiteren Kollegen und acht weiteren Seelsorgern seien sie am Tag der Beerdigung vor Ort gewesen, um ihre Hilfe anzubieten, wenn sie denn benötigt werde.
Die Woche vom Zeitpunkt des Unglücks bis zur Bestattung hat auch bei Gemeindereferent Wolf Spuren hinterlassen. Eine Rückmeldung nach der Trauerfeier habe ihn gefreut: „Ich gehöre nicht zu Ihrer Gemeinde. Aber heute haben Sie mich und viele andere zurückgewonnen“, erzählt Wolf. Dennoch habe er nach der Beerdigung erst einmal „Holz hacken“ müssen, erzählt er. Doch der erfahrene Seelsorger weiß, dass er noch viel zur Trauerbewältigung in Heroldsberg wird mit beitragen müssen. Denn es hat sich viel verändert. „Man kann es nicht beschreiben, was in dem Ort vorgegangen ist.“ Und eine Hoffnung will Wolf vermiteln: „Der Tod hat nicht das letzte Wort.“

Autor: Christoph Gahlau


Zurück

Ein Bistum im Umbruch

Aktuelle Downloads

Pfarrbriefvorlagen zum Herunterladen

Anzeigen

Märkteverzeichnis zum Herunterladen

Anzeigen

Begegnung mit Erzbischof Ludwig

04.05Firmung
05.05Pontifikalamt zum 900-jährigen Jubiläum der Gründung des Klosters Michelfeld
11.05Eucharistiefeier zum Welttag um geistliche Berufungen
12.05Eucharistiefeier zu einem Silbernen Professjubiläum

Alle Termine anzeigen

Patenschafts-Abonnement

Unterstützen Sie mit einer Abonnement-Patenschaft bedürftige Mitmenschen...

mehr erfahren

Mini-Abo Heinrichsblatt