Heinrichsblatt

Alle Nachrichten

„Geschichte muss erlebbar sein“

Oberasbacher Jugendlicher hat ausgiebig die jüdische Geschichte Fürths des 20. Jahrhunderts erforscht


Foto: Christoph Gahlau

Fürth – Opa ist schuld. Nein, der Opa von Simon hat nichts falsch gemacht. Er hat vermutlich sogar ganz viel richtig gemacht und bei ihm das Interesse für Geschichte geweckt. Immer dann, wenn Simon beim Mittagessen in Nürnberg-Gebersdorf bei seinem Opa war, dann haben sie hinterher Postkarten aus alten Zeiten angeschaut. Der Opa von Simon Rötsch (17) lebt zwar inzwischen nicht mehr. Aber er hat seinem Enkel etwas vermacht: Ein großes Faible an Geschichte.
Und durch dieses Interesse geweckt begann der Jugendliche sich für das Schicksal von Albert Rosenfelder zu interessieren. Ein jüdischer Kommerzienrat, der auf dem Pferd sitzend als Soldat durch einen Kopfschuss am 1. Juli 1916 getötet wurde. „Die genauen Umstände seines Todes sind bis heute unbekannt“, erklärt Rötsch.
Das Forschen über Albert Rosenfelder war der Beginn zu einer größeren Arbeit, die wohl nur ganz wenige andere Jugendliche freiwillig machen würden. Simon Rötsch hat neben Albert Rosenfelder noch vier weitere bedeutende Fürther jüdische Persönlichkeiten portraitiert. Den expressionistischen Maler Benno Berneis, der 1916 als Soldat des deutschen Kaiserreiches über Frankreich abgeschossen wurde. Max Holzinger, der ebenfalls als junger Mann im Ersten Weltkrieg ums Leben kam. Und Simon Rötsch schreibt über die Brüder Gustav und Robert Löwensohn, die im August 1943 in den Gaskammern von Auschwitz starben.
„Es geht mir darum, die Rolle der jüdischen Fürther sichtbar zu machen“, erklärt Simon Rötsch seine Motivation. Die Menschen, die er portraitiert habe, waren keine „Fürther Juden, sondern jüdische Fürther.“ Die meisten von ihnen hätten sich zunächst als Deutsche und nicht als Juden verstanden. Und obwohl Robert und sein Bruder Gustav Löwensohn für Deutschland an den Fronten des Ersten Weltkriegs kämpften, wurden sie später von den Nationalsozialisten ermordet.
Interessant sei für ihn auch, dass jede der fünf Biographien einen eigenen Weg oder Zugang zur Religion gefunden habe. „Da gibt es viel Spannendes zu entdecken.“ Es sei erschreckend wie schnell damals die Stimmung umgeschlagen sei, findet Simon Rötsch. Geschichte sei für ihn etwas, das nicht etwas Vergangenes sei.
Und so erschreckt ihn auch der immer noch vorhandene Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft.
Die fünf Biographien hat der junge Historiker verknüpft mit einem Stadtrundgang durch Fürth. Sechs Stationen erwähnt Simon Rötsch. Für die 6. Klassen seines Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums hat er diese Führung schon persönlich gemacht. Doch wer glaubt, der 17-Jährige aus Oberasbach sei ein Jugendlicher, der sich nur für alte Sachen interessiert, der täuscht sich.
Nebenbei engagiert sich Simon Rötsch noch als Schülersprecher seines Gymnasiums, singt und spielt in einem Musical mit, ist als Ministrant tätig und natürlich immer bei den Sternsingern zu Jahresbeginn dabei. Nebenbei muss er aber an und auch noch die Schule besuchen.
Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten
Drei Jahre lang hat Simon Rötsch geforscht und recherchiert. Entstanden ist ein 50-seitiges Werk mit dem Titel „Fjorda 1914-1918“. Fjorda sei der jüdische Name für Fürth erläutert der 17-Jährige. Diese Arbeit habe er im vergangenen Jahr beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten eingereicht, die unter dem Titel stand: Religion macht Geschichte – Religion verhindert Geschichte.“ Die Juroren waren offensichtlich von seiner Arbeit überzeugt. Simon Rötsch wurde bayerischer Landessieger.
Der Fleiß bringt nicht nur diesen Preis. In verschiedenen Archiven durfte Simon Rötsch schon forschen, wo sonst wohl kaum ein 17-Jähriger hinkommt. Bei seinen Recherchen hat der junge Historiker viele Gespräche geführt. „Der Kontakt mit diesen Leuten ist das Coolste.“
Und auch der Enkel von Robert Löwensohn ist inzwischen auf Simon Rötsch aufmerksam geworden und hat ihn für die zweite Pfingstferienwoche nach Paris eingeladen.
Ideen für die Zeit nach dem Abitur gibt es auch schon. Entweder Geschichte oder Architektur mit dem Schwerpunkt Denkmalpflege zu studieren. Zunächst aber steht für Simon Rötsch eine Ausstellungseröffnung im Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Oberasbach, seiner eigenen Schule, an. Am 25. April um 19.30 Uhr wird im Rahmen einer Soiree die Ausstellung „In der Heym is daham“ eröffnet. Es geht um jüdisches Leben im Kontext der Revolution von 1918. Bis Juni kann sie besichtigt werden. Denn: „Geschichte muss erlebbar sein.“

Autor: Christoph Gahlau


Zurück

Ein Bistum im Umbruch

Aktuelle Downloads

Pfarrbriefvorlagen zum Herunterladen

Anzeigen

Märkteverzeichnis zum Herunterladen

Anzeigen

Begegnung mit Erzbischof Ludwig

02.11Pontifikalrequiem mit Gräbergang
03.11Firmung
07.11Firmung
07.11Firmung

Alle Termine anzeigen

Heinrichsblatt-Probeabonnement