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"Ich finde viele Dinge auf meinem Schreibtisch wieder"

Seit 100 Tagen ist Herwig Gössl nun Erzbischof von Bamberg. Foto: Benjamin Kemmer
Seit 100 Tagen ist Herwig Gössl nun Erzbischof von Bamberg. Foto: Benjamin Kemmer

Bamberg (KNA) – Er leitete das Erzbistum Bamberg schon als Weihbischof und Übergangsverwalter. Seit Anfang März ist Herwig Gössl (57) nun Erzbischof von Bamberg. Die ersten 100 Tage im Amt sind eine gute Gelegenheit, darüber zu sprechen, was er in dieser Zeit schon im Erzbistum Bamberg anstoßen konnte. Erzbischof Gössl gewährt zudem einen Einblick in seine Küche.

 

Herr Erzbischof Gössl, was hat sich für Sie verändert, seitdem Sie Erzbischof sind und nicht mehr Übergangsverwalter?

Herwig Gössl: Ich habe als Administrator einige Dinge dem künftigen Erzbischof auf den Schreibtisch gelegt. Die finde ich jetzt alle wieder. Auf der einen Seite kennt man die Themen, auf der anderen Seite sind das nicht die angenehmsten Dinge, die man da entscheiden soll. Die neue Grundordnung für das kirchliche Arbeitsrecht in Kraft zu setzen, war keine große Sache. Aber bei anderen Fragen, etwa der Umsetzung der Beschlüsse des Synodalen Wegs, haben wir das Problem, dass unsere Personalressourcen nicht größer werden. Wie können die Themen dann untergebracht und ernstgenommen werden?

 

Welche Themen betrifft das im Moment?

Zum Beispiel die queere Pastoral. Wie bekommen wir das hin, wenn wir keine zusätzlichen Stellen schaffen können? Und selbst, wenn wir eine Stelle ausschreiben könnten, würden wir vermutlich niemanden finden, der die übernimmt.

 

Welche langfristigen Ziele haben Sie sich gesetzt?

Mir wäre es wichtig, dass sich in der Diözese an möglichst vielen Stellen Menschen mit dem Glauben und der Heiligen Schrift beschäftigen. Dass sie Erfahrungen machen, dass Kirche vor Ort lebendig ist, wenn auch anders, als sie es bisher gewohnt waren. Dass Leute sich auf den Weg begeben, beieinanderbleiben, auch wenn es beschwerlich wird.

Ich weiß von Ideen, die in Gemeinden da sind. Die muss man sich genau anschauen. Ich hoffe, dass wir uns nicht den Elan nehmen lassen, weil wir Angst haben, dass etwas falsch laufen könnte. Ich glaube, was Prävention und die Aufmerksamkeit für Problemlagen betrifft, sind wir gut aufgestellt. Von daher muss man den Mut haben, manches auszuprobieren.

 

Ist es nicht frustrierend, wenn man vieles ausprobieren will, aber vielleicht keine Leute mehr dafür hat?

Freilich. Aber Jesus hatte auch eine Menge Leute, die dann weggelaufen sind. Das tröstet mich etwas. Das Schlimmste wäre, wenn wir jetzt alle anfangen, uns zu bemitleiden, weil das alles nicht so funktioniert, wie man es sich vielleicht vorstellt.

 

Sie haben bei Ihrer Einführung davon gesprochen, dass Sie sich in den Dienst der Einheit in Kirche und Gesellschaft stellen wollen. Welche Schritte haben Sie schon unternommen?

Ich habe Gespräche mit Vertretern verschiedener staatlicher Institutionen, der Stadt Bamberg und aus der Ökumene gehabt. Das war alles sehr ermutigend. Die Einheit ist bedroht - im Sinne des Zusammenhalts. Deswegen ist es wichtig, mit möglichst vielen Menschen im Gespräch zu bleiben. Da möchte ich gern weiterarbeiten.

 

Erstmals seit langem gibt es in Bamberg dieses Jahr keine Priesterweihe. Wie gehen Sie damit um?

Das hat sich schon länger abgezeichnet und wird noch häufiger passieren. Mangel herrscht nicht nur in Priesterseminaren und Ordensgemeinschaften, auch in den anderen pastoralen Berufen. Das ist bedrückend. Ohne Priester gibt es keine katholische Kirche und auch ohne die anderen Dienste ist kirchliches Leben nur schwer vorstellbar. Von daher muss unbedingt geschaut werden, wie Menschen vom Glauben fasziniert werden können. Anders kann ich so einen Beruf nicht machen.

Die jungen Menschen heute sind arg gebeutelt von den Bedrohungen, die sie wahrnehmen. Es gibt eine große Verunsicherung und ich kann verstehen, wenn man sich schwertut, einen so verbindlichen Schritt zu machen. Aber ich glaube, dass so ein Schritt einen befreien kann und man neue Perspektiven bekommen kann. Mir tut es leid, dass so viel Negatives in der Kirche rüberkommt und das Positive dahinter verschwindet.

 

Sie gelten als sehr differenziert, wenn Sie bei strittigen Themen wie der Frauenweihe sagen, dass Sie sich das gerade nicht vorstellen können, aber es mittragen würden, wenn es irgendwann doch kommt und gut begründet ist. Bräuchte es so eine differenzierte Haltung in der Kirche mehr?

Ich denke, dass wir bei diesen strittigen Themen einen guten Austausch brauchen, dass wir aufeinander hören müssen. Das betont der Papst auch immer wieder und das will er mit der Weltsynode einüben. Das hat viel positive Resonanz gefunden. In diesem Austausch können sich Wege ergeben, wie man gewisse Fragen auch anders beantworten kann.

Es ist mir in der Frauenweihefrage noch nicht möglich, diesen Weg zu entdecken. Aber ich kann nicht ausschließen, dass es ihn geben könnte. Wir müssen beieinander bleiben. Es hilft nichts, zu sagen: Alle, die Frauenweihe für möglich halten, sind Häretiker. Oder: Alle, die es nicht für möglich halten, sind verstockte, patriarchal denkende Menschen. Das bringt uns nicht weiter.

Unsere Gesellschaft ist aufgeheizt. Man wird als schwach wahrgenommen, wenn man differenziert. Was rüberkommt, sind klare Positionen. Die sind aber immer einseitig.

 

Wobei viele Menschen in der Kirche Anweisungen und Entscheidungen aus Rom als einseitig kritisieren.

Natürlich hat Rom die Autorität, Dinge zu entscheiden, und ich bin froh, dass es diese Instanzen gibt. Aber muss man solche Entscheidungen immer provozieren? Vielleicht wäre es besser - und das hat die Kirche auch jahrhundertelang so praktiziert - verschiedene Lehrmeinungen und Denkweisen nebeneinanderher bestehen zu lassen und nicht immer zu erwarten, dass alle auf meiner Seite sind. Ansonsten kommt es irgendwann zu einer Entscheidung und dann ist die eine Hälfte beleidigt, weil die andere sich durchgesetzt hat.

 

Wenn Sie sich Ihren Schreibtisch selbst so vollgepackt haben, wieviel Freizeit haben Sie als Erzbischof noch?

Sehr wenig. Weniger als vorher, zumindest im Moment. Ich hoffe nicht, dass das so bleibt. Ich schieb es mal auf die Anfangszeit.

 

Sie kochen gern für Gäste. Sind Sie für irgendein Gericht besonders bekannt?

Das würde ich niemals verraten (lacht). Ich koche wirklich sehr gern für Gäste, probiere auch mal was aus. Aber man muss sehr vorsichtig sein mit Äußerungen, was man gerne mag. Wenn das einmal in der Welt ist, holt man das nicht wieder ein (lacht). Dann wird genau das immer wieder bestellt.

 

100 Tage sind vorbei. Was wollen Sie als nächstes angehen?

Ein Thema ist das Heilige Jahr. Das will ich stark voranbringen, dass Ideen entwickelt werden, die den Gemeinden helfen, dafür wieder Luft zu bekommen. Wir stecken immer noch in Strukturfragen, aber es soll deutlich werden, warum man die Strukturen verändert.