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Gewalt überwinden und doch nicht auf Wehrhaftigkeit verzichten

Pressegespräch am 21. Februar 2024, bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Augsburg, zur Vorstellung des Friedensworts der DBK mit dem Titel "Friede diesem Haus". Foto: Harald Oppitz/KNA
Pressegespräch am 21. Februar 2024, bei der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) in Augsburg, zur Vorstellung des Friedensworts der DBK mit dem Titel "Friede diesem Haus". Foto: Harald Oppitz/KNA

Augsburg (KNA) - Am 24. Februar vor zwei Jahren überfiel Russland die Ukraine. Schlagartig schien der Traum vom Frieden aus den Jahren nach dem Ende des Kalten Kriegs ausgeträumt. Doch das ist nicht der einzige Anlass für die deutschen Bischöfe, ihre Friedensethik neu zu formulieren. Wenige Tage nach der Münchner Sicherheitskonferenz legten sie am Mittwoch in Augsburg ein neues Friedenswort vor.

 

Müsste man das 175-Seiten-Papier auf einen knappen Nenner bringen, lautete dieser in etwa so: Frieden lässt sich nicht ganz ohne Waffen schaffen, aber auch Selbstverteidigung hat Grenzen. Im Text findet sich dafür der Begriff "christlicher Realismus". Dazu gehörte offenbar auch, General Carsten Breuer, den ranghöchsten deutschen Militär, zur Frühjahrsvollversammlung einzuladen - zum Gespräch hinter verschlossenen Türen.

 

Der Text gliedert sich in vier Abschnitte: Nach der Klärung ethischer Grundlagen folgt eine Analyse global bedeutsamer Konflikte und Gewaltpotenziale. Dazu zählen die Bischöfe auch ungerechte Strukturen der Weltwirtschaft und die Schwäche internationaler Organisationen wie der UN; ebenso einen populistischen Politikstil, der Demokratien von innen aushöhlt, und, eng damit verbunden, ausgrenzendes Identitäts-Gerede. Dann werden politische Herausforderungen benannt und die Verantwortung der Religionen für die Überwindung der Gewalt beschrieben.

 

Der Pazifismus, der sich auf die Bergpredigt Jesu beruft, wird als einer von zwei wichtigen Traditionssträngen der christlichen Friedensethik gewürdigt. Dieser werde nicht nur zu Unrecht als Feigheit diffamiert, er sei auch älter als die Option für einen begrenzten, defensiv ausgerichteten Gewalteinsatz. Beide Positionen müssten immer wieder zusammengebracht werden.

 

Dazu sollte keine Seite der anderen "Verrat am Evangelium" vorwerfen, mahnen die Bischöfe. Ein Hinweis, dass die aktuellen Debatten um Waffenlieferungen, Aufrüstung und militärische Auslandseinsätze in Kirchenkreisen bisweilen zu verhärteten Fronten führen.

 

Für die praktische Politik heißt das: Die Bischöfe halten mit Blick auf neue Bedrohungen eine angemessene Ausstattung der Bundeswehr für geboten. Auf absehbare Zeit werde es notwendig sein, auf Abschreckung zu setzen. Auf lange Sicht aber fordern sie "die Bundesregierung auf, im Rahmen der NATO einen Prozess anzustoßen und gemeinsam mit den Bündnispartnern Lösungen zu finden, wie die vermutlich auf absehbare Zeit erforderliche Abschreckung ohne Nuklearwaffen gewährleistet werden kann."

 

Und dann kommen sie auf ein ethisches Dilemma zu sprechen: "Auch wenn wir Rüstungsanstrengungen gegenwärtig als unverzichtbares Element einer verantwortlichen Politik ansehen, grenzt es in globaler Perspektive an Irrsinn, angesichts der gewaltigen Probleme, die sich vor der Menschheit auftürmen, Unmengen von finanziellen und intellektuellen Ressourcen zu verschleudern, um uns gegenseitig davor abzuschrecken, einander zu vernichten, anstatt alle Kräfte darauf zu konzentrieren, gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft zu meistern."

 

Vor allem der Klimawandel erfordere mehr Kooperation als je zuvor, schreiben die Bischöfe. "Wir müssen den Schreckensvisionen einer sich selbst zerfleischenden Menschheit kraftvolle Bilder gelingenden Miteinanders von Menschen und Völkern entgegensetzen." Wie das geht, dazu konnten die Kirchen zumindest bis vor kurzem auch auf Fortschritte im ökumenischen Dialog verweisen. Doch auch dieser hat durch die Kriegspredigten des Moskauer Patriarchen Kyrill I. einen herben Rückschlag erlitten.

 

Wie nun die anderen Christen mit der Russisch-Orthodoxen Kirche umgehen sollen, darauf wissen die deutschen Bischöfe "keine klare Antwort". Nur so viel: "Es ist möglich, Beziehungen ruhen zu lassen, ohne einen harten Bruch zu vollziehen." Im Austausch sei während des Kalten Krieges und nach dem Ende der Sowjetunion vieles gewachsen. Diese Netzwerke hielten zusammen, "was irgendwann wieder zu einem Fundament des Friedens werden kann".

 

 

Die Bischöfe verstehen ihren Text als ein "Wort des Nachdenkens in bedrängter Zeit". Als Diskussionsangebot an die bundesdeutsche Gesellschaft, aber nicht nur, wie ihr Konferenzvorsitzender Georg Bätzing am Montag in Augsburg sagte: "Das ist auch ein Wort an uns. Wenn wir etwa über Gewalt sprechen, auch über psychische und sexualisierte, dann haben wir da leider Erfahrung beizusteuern."