Heinrichsblatt

Alle Nachrichten

Wenn ich nicht raus kann, geh ich eben rein

Der hortus claustralis oder: Lebenshilfe aus dem Mittelalter


Foto: Foto: Andreas Kuschbert

Quarantäne und Lockdown sind für die meisten ganz neue Erfahrungen. Denn Ablenkung gilt hierzulande geradezu als Menschenrecht. Doch nun haben wir gute Gründe, unser bisheriges Verhalten neu zu überdenken. Aber wie soll das gehen? „Ich bin ja in mich gegangen, aber da war auch nichts los.“, mault manch einer nach ein oder zwei schwächlichen Versuchen. Höchste Zeit also, nach Ideen zu suchen, wie wir mit dem neuen, inneren Freiraum umgehen können, der uns dank Covid-19 zu-gefallen ist. Und wer wäre da ein besserer Ansprechpartner als echte Experten, deren Meinung in diesen Tagen so viel zählt? Wir finden sie, wie manch anderes Lehrreiche Lebensbeispiel im Mittelalter, genauer, in den Klöstern. Diejenigen, die dort nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia lebten, haben tatsächlich einen Plan entwickelt, der äußerst inspirierend sein kann, wenn man nicht mehr raus kann, aber keine Landkarte für den Weg nach Innen hat. Ihr Terminus technicus für das, was wir suchen und wovon sie überzeugt sind, dass es bereits als von uns unentdeckte Ressource in unserem eigenen Innern verborgen ist, lautet: hortus conclusus oder hortus claustralis. Was steckt dahinter? Der hortus claustralis ist das wie ein Same in uns eingesenkte Bild des Paradiesgartens. Das Bild des Samens ist an dieser Stelle bewusst gewählt. Denn viele wissen nicht, dass es diesen Garten der Seele gibt. Er ist zwar als Potential vorhanden, wartet aber gewissermaßen darauf, entdeckt, angesehen zu werden. Im lärmenden Getümmel des Alltags ist das eine Herausforderung und gelingt mitunter erst dann, wenn ein um diesen Ort wissender Mensch unseren Blick darauf lenkt und sagt: Schau, dort ist er, dein Garten. Hier kannst Du sein. Dass der Garten an sich als Sehnsuchts- und Zufluchtsort gewissermaßen archetypische Qualitäten hat, kann man an seiner Geschichte und an den Sprachwurzeln des Begriffs ablesen, die in den unterschiedlichsten Kulturen einen erstaunlichen Verwandtschaftsgrad aufweisen. Auch in der Gestaltung dieser Gärten sind bemerkenswerte Ähnlichkeiten erkennbar. Im Zentrum findet sich in der Regel ein Wasserbecken oder eine Quelle und oft ist er in vier Bereiche eingeteilt, die die vier Himmelsrichtungen und die vier Elemente versinnbildlichen. Der Garten des Paradieses wird in Illustrationen ebenfalls oft als Quadrat wiedergegeben. Die christlichen Gemeinden griffen den Grundgedanken des Gartens als Begegnungsort auf, integrierten ihn in die Kirchbauten und nannten die Vorhöfe der antiken Basiliken, die, wie beispielsweise Alt-St. Peter in Rom mit seinem Pinienbrunnen, über eine Wasserstelle verfügten, Paradies. In den mittelalterlichen Klöstern gehörte der Garten innerhalb der Klausur seit dem im Jahr 816 entstandenen St. Galler Klosterplan zum festen Programm. In ihm verbinden sich die Aspekte der Nützlichkeit, der Heilung, der Erholung und der, dem Lobpreis Gottes verbundenen, gestalteten Schönheit. Sie waren dazu da, Körper, Geist und Seele zu nähren, zu heilen, was verwundet ist, und dienten sowohl der Kontemplation als auch der Rekreation. Dass hier ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen äußerem und innerem Leben besteht, wird klar, wenn man das neunte Kapitel von Hrabanus Maurus 19. Buch von „De universo libri viginti duo“ liest. Er beschreibt, dass in dem umhegten Garten die verschiedensten Tugenden wachsen. Und er verbindet dies mit dem vierten Gesang des Hoheliedes, in dem der Bräutigam seine Braut mit einem umhegten Garten und einem gesegneten Quell vergleicht. (Hoh 4,12) Der St. Galler Klosterplan weist den Garten als einen Ort aus, an dem körperliche und geistliche Arbeit gleichermaßen fruchtbringend vollzogen werden können. Er ist ein zugleich äußerer und innerer Erlebnisraum, dessen wichtigstes Merkmal die in ihm mögliche Hingabe und das dort lebbare Gottvertrauen sind. Denn letztlich ist es Christus, der hier als Gärtner wirkt. Er ist der Bräutigam, der in diesem Garten mit geöffneten Armen auf die sehnende Seele wartet. Und so ist der hortus claustralis nicht nur das Urbild des Paradieses, Schutzraum der Seele und Freiraum für die Entfaltung der Tugenden, sondern auch jener innere Ort in uns selbst, in den wir uns zurückziehen und bei Gott Zuhause sein können. Und wie lernt man, den Zugang zu diesem Garten zu finden? Einen kostenlosen Kurs zum Thema gibt es hier: https://artoflivingwell.org.uk/p/homeretreat. 

Autor: Dr. Barbara Stühlmeyer


Zurück

Ein Bistum im Umbruch

Aktuelle Downloads

Pfarrbriefvorlagen zum Herunterladen

Anzeigen

Märkteverzeichnis zum Herunterladen

Anzeigen

Begegnung mit Erzbischof Ludwig

28.01Verleihung der Missio canonica an Studienreferendare von Gymnasien
29.01Firmung
31.01Eucharistiefeier zum Tag des geweihten Lebens

Alle Termine anzeigen

Heinrichsblatt-Probeabonnement