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„Ich bin wirklich ein Geächteter in Rom“

Dr. Johann Friedrich und seine Rolle als Konzilstheologe während des Ersten Vatikanischen Konzils


Foto: In diesem Haus, dem Palazzo Valentini, wohnte Dr. Johann Friedrich während des Ersten Vatikanischen Konzils in Rom. Foto: Wolfgang Osiander

Das Erste Vatikanische Konzil, von der katholischen Kirche auch als das 20. Ökumenische Konzil angesehen begann am 8. Dezember 1869. Es verkündete im Sommer 1870 ein Lehrdokument über den katholischen Glauben, den päpstlichen Kurisdiktionsprimat und erhob die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes „bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenfragen definitiv zum Dogma. Zu den Teilnehmern des Konzils zählte von Anfang an auch der 1836 in Poxdorf bei Erlangen geborene Priester und Kirchenhistoriker Johann Friedrich als Konzilstheologe des Kurienkardinals Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst. Johann Friedrich, der am 5. Mai 1836 in Poxdorf bei Erlangen geboren wurde, stammte aus einfachen Verhältnissen, verlor früh seinen Vater, konnte jedoch dank einer Freistelle im Bamberger Aufseßianum das Abitur ablegen und anschließend am dortigen Lyzeum Theologie studieren. 1859 wurde er in Bamberg zum Priester geweiht. Nach einer kurzen Kaplanzeit in Scheinfeld ging Friedrich an die Universität München, um dort im Fach Kirchengeschichte zu promovieren. 1862 wurde er dort nach seiner Habilitation Privatdozent und wenige Jahre später außerordentlicher Professor. Friedrich war Schüler und später Kollege des aus Bamberg stammenden Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger, der ihn als Konzilstheologe an Kardinal Hohenlohe vermittelte. Mit Johann Friedrich erhielt Hohenlohe-Schillingsfürst einen jungen Konzilstheologen, dem die Welt der Palazzis römischer Kirchenfürsten weitgehend fremd war. „Ich bin“, schrieb er nach mehreren Wochen bei Kardinal Hohenlohe einem Freund in München, „in ein Palazzo versetzt, gezwungen, ein klein wenig höherer Cultur mich anzubequemen.“ Bereits am 5. Juni 1869 traf Friedrich in Rom ein, nachdem er zuvor in Trient seine Studien zum Trienter Konzil vertieft hatte. In Rom führte ihn sein erster Weg zu Erzbischof Deinlein aus Bamberg, Erzbischof Scherr aus München und Bischof Dinkel aus Augsburg, die in Rom ein gemeinsames Quartier bezogen hatten. Danach begab er sich zu Kardinal Hohenlohe in den Palazzo Valentini, einem repräsentativen Renaissancebau im Herzen der Stadt, wo er „in sehr freundlicher Weise“ empfangen wurde. Friedrich führte von Beginn an minutiös Tagebuch, hielt darin zahlreiche Begegnungen – im Domizil des äußerst gastfreundlichen Kardinals Hohenlohe verkehrten viele Konzilsteilnehmer –, Gespräche und Auseinandersetzungen fest. Am Konzil beteiligte Kirchenmänner, aber auch Laien kommen darin direkt zu Wort und vermitteln uns heute noch ein durchaus lebendiges Bild dieser spannenden Monate. Im November 1871 veröffentlichte er sein Tagebuch und schuf später auf dessen Grundlage ein zweibändiges wissenschaftliches Werk über das Konzil. Sowohl das Tagebuch wie auch das spätere Geschichtswerk sind sehr subjektiv, bieten aber wichtiges Quellenmaterial zum Ersten Vatikanischen Konzil. Als ehemaliger Schüler Döllingers, als Mitglied der historisch-kritisch ausgerichteten Münchner theologischen Fakultät und profunder Kenner der Kirchengeschichte kam Friedrich als ausgewiesener Gegner einer zu erwartenden Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit nach Rom. In dieser Haltung stimmte er auch mit den Erzbischöfen Scherr und Deinlein, mit Bischof Dinkel und mit Kardinal Hohenlohe überein. Zu Döllinger, der von München aus publizistisch den Kampf gegen die Unfehlbarkeit führte, unterhielt Friedrich einen intensiven brieflichen Kontakt. Inwieweit die Interna, die Döllinger in seinen mit dem Pseudonym Quirinus unterzeichneten „Briefen vom Konzil“ in der Augsburger Allgemeinen Zeitung veröffentlichte, auf Informationen Friedrichs beruhen, ist ungewiss. Hier dürften jedoch andere Informanten eine weit gewichtigere Rolle gespielt haben. Friedrich, der als Döllinger-Vertrauter den Ultramontanen von Anfang an suspekt war, geriet durch diese Veröffentlichungen in den Ruf des Verräters. Kardinal Hohenlohe wurde es als Fehler angerechnet, Friedrich als Konzilstheologe berufen zu haben. Friedrichs Tätigkeit beschränkte sich nicht nur auf die Beratung Kardinal Hohenlohes, sondern er unterstützte mit seinen Gutachten alle deutschsprachigen Bischöfe, die in ihrer Mehrheit die Unfehlbarkeit des Papstes ablehnten. Gegen den Hirtenbrief des Londoner Erzbischofs Manning, einer der Hauptinitiatoren der Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit, verfasste Friedrich eine Gegendarstellung, die dann auch unter den Konzilsvätern Verbreitung fand. Diese Aktivitäten und seine Nähe zu Döllinger machten ihn bei Pius IX., der ihn den „prete magro“, den „dürren Priester“, nannte, zum Gegner. Am 24. Februar notierte Friedrich in sein Tagebuch: „Ich bin wirklich ein Geächteter in Rom“ und „Ich halte es nicht mehr in Rom aus.“ Deinlein, Scherr und fast alle Unfehlbarkeitsgegner reisten kurz vor der entscheidenden Abstimmung am 18. Juli ab, unterwarfen sich jedoch kurz danach dem Konzilsbeschluss. Döllinger und Friedrich lehnten dies ab und wurden exkommuniziert. Anders als Döllinger fand Friedrich den Weg in die Altkatholische Kirche. Er starb am 19. August 1917 in München.

Autor: Wolfgang Osiander


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