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Selbsthilfegruppen brauchen Perspektiven

Das Caritas-Selbsthilfebüro in Neustadt/Aisch bietet auch jetzt Unterstützung an

Neustadt a.d. Aisch – Selbsthilfegruppen haben eine große Wichtigkeit“, betont Gudrun Hobrecht. Als Leiterin des Selbsthilfebüros der Caritas Neustadt/Aisch – Bad Winds­heim, weiß sie, wie wichtig der Austausch mit ihren Kollegen aus ganz Bayern ist. Dieser hat gezeigt, dass vor allem Selbsthilfegruppen für Suchtmittel-Abhängige und von Depression Betroffene besonders stark von den derzeitigen Einschränkungen betroffen sind. „Die Menschen brauchen die Selbsthilfegruppe um stabil zu bleiben.“
Sie schützen vor Vereinsamung, vor häuslicher Gewalt oder helfen, akute Krisenzustände bei seelischen Erkrankungen oder Rückfällen im Suchtbereich vorzubeugen.
Das Selbsthilfe Büro in Neustadt unterstützt Gruppen – und solche, die es werden wollen, berät und informiert rund um das Thema Selbsthilfe. Gudrun Hobrecht vermittelt geeignete Gruppen, unterstützt Neugründungen, informiert über finanzielle Frage, hilft bei der Raumsuche oder vermittelt Referenten.
Brücke zur Politik
Auch Fortbildungen und Treffen für Selbsthilfeaktive werden organisiert. Und sie fungiert sozusagen als Brücke zur Politik. Zum Beispiel bei der Frage, ob, wie und wann sich Selbsthilfegruppen wieder treffen dürfen. In all den Verlautbarungen über Lockerungen wurden die Selbsthilfegruppen bislang nicht erwähnt.
Ein wichtiger Akteur bei der landesweiten Unterstützung der Selbsthilfegruppen im Gesundheits- und Sozialbereich ist die Selbsthilfekoordination Bayern Seko. Die Netzwerkstelle hat unter anderem eine Anfrage an die Bayerische Sozialministerin Karolina Trautner und an Gesundheitsministerin Melanie Huml gestellt. Darin heißt es unter anderem: „Als Netzwerkstelle von 33 selbsthilfeunterstützenden Einrichtungen erreichen uns und unsere Einrichtungen immer mehr Fragen zur Planung einer Exit-Strategie des coronabedingten Shutdowns für die 11 000 Selbsthilfegruppen in Bayern. Die Selbsthilfegruppen unterstützen sich gegenseitig bei der Bewältigung ihrer sozialen Anliegen, ihrer somatischen Erkrankungen, ihrer Suchtprobleme oder ihrer seelischen Krisen. ... Dabei hat das direkte Gespräch mit Gleichbetroffenen eine sehr wichtige Entlastungsfunktion, die nur zum Teil durch virtuelle Gruppentreffen aufgefangen werden kann.“ Auch Selbsthilfegruppen benötigten seitens der Politik Perspektiven, wie die Wiederaufnahme von Gruppentreffen gestaltet werden kann.
Jürgen Ungerer, Gruppenverantwortlicher beim Blauen Kreuz, sowie bei der Selbsthilfegruppe „DRY“ im Raum Neustadt/Aisch, kommt zwar auch ohne Gruppe zurecht. „Das hängt aber sicherlich damit zusammen, dass ich eine Tagesstruktur und eine Vielzahl von Aufgaben – privat oder geschäftlich – habe.“ Dennoch möchte er, dass baldmöglichst der normale Gruppenbetrieb wieder losgeht. Anderen mag es weniger gut gehen. Zu den verschiedenen Erkrankungen und Krisen, die Selbsthilfegruppen zusammenführen, kommen zur Zeit weitere destabilisierende Faktoren hinzu, ob finanzielle Sorgen, Zukunftsängste oder die Enge zuhause.
Digitale Angebote habe Ungerer zum Teil im Rahmen von Blaukreuz-Verbandsaktivitäten mit wahrgenommen. „ZOOM und Co. werden sicherlich künftig in irgendeiner Form stärker präsent sein“, sagt Ungerer. „Andererseits ist man bei digitalen Gruppenmeetings teilweise nicht bei der Sache – wird quasi von technischen Problemen und anderem abgelenkt.“
Als Gruppenleiter, der gerne auch visuelle Dinge ins Gespräch mit einbringe, oder auch mal etwas mit Bewegung mache, vermisse er schon die normale Runde. Digitale Treffen der Selbsthilfe-Gruppe finden aber nicht statt. Vereinzelt gibt es untereinander Kontakt. „Aktuell besteht kein Versuch eine virtuelle Gruppe zu installieren“, erklärt der Gruppenleiter. Denn nicht alle verfügen über die technischen Voraussetzungen.
So bleibt der häufigste Kontakt das Telefon und Whats-App. „Ob wir als Gruppe noch ein digitales Angebot probieren werden, hängt ganz davon ab, wie die nächsten Lockerungen aussehen könnten, beziehungsweise was auch über SEKO oder den Bundesverband des Blauen Kreuzes an Infos kommt.“
„Wir waren gerade dabei, sichere und barrierefreie Tools zu entwerfen, doch die Pandemie hat uns eiskalt erwischt“, sagt Martin Danner, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe. Derzeit nutzen viele Gruppen Standardtools, womit aber große Probleme verbunden sind. Die Videokommunikationsplattform Zoom zum Beispiel stehe in der Kritik, weil sie hackeranfällig sein soll. „Das ist heikel, denn in den Gruppen werden sensible Daten ausgetauscht“, betont Danner. Gruppenleiter stehen deshalb vor einer schwierigen Abwägungsfrage: Sollen sie auf unsichere Tools verzichten? Dann bliebe, nachdem Treffen derzeit nicht möglich sind, nur der schriftliche Austausch im Chat. „Das hat den großen Nachteil, dass die emotionale Seite der Kommunikation verloren geht“, sagt Danner. Und in der Selbsthilfe gehe es nun mal sehr viel um Emotionen.
Auch das Problem mit der Technik bestätigt Danner. Jüngere Selbsthilfeaktivisten hätten damit kein Problem und verweist zum Beispiel auf Gruppen, in denen sich Stotterer oder HIV-infizierte Menschen treffen. Doch gebe es auch andere Probleme: „Bei Parkinson, Rheuma oder Osteoporose ist zum Beispiel das gemeinsame Funktionstraining sehr wichtig.“ Das fällt nun wegen Corona weithin flach. Das könnte sich nachhaltig negativ auf die Patienten auswirken, warnt der Fachmann.
Gudrun Hobrecht vom Selbsthilfebüro in Neustadt/Aisch bestätigt: nicht jeder kann die technischen Möglichkeiten nutzen, aufgrund des Alters oder des Krankheitsbildes, wie zum Beispiel Schlaganfallpatienten. Für sie ist es schwer, die Live-Kommunikation digital zu ersetzen.
Andreas See, Gründer der Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depression im Raum Hamm sieht außerdem die Gefahr der digitalen Abhängigkeit und warnt vor den Folgen: „Es droht soziale Isolation durch einen Rückgang an realen sozialen Kontakten.
  
INFO
Viele Hinweise und Hilfen für Selbsthilfegruppen finden sich auf den Seiten www.selbsthilfe-nea.de und www.seko-bayern.de
Fragen und Antworten zur Handlungsfähigkeit für Vereine ­während der Corona-Krise: www.bmjv.de/DE/Themen/FokusThemen/Corona

Autor: Brigitte Pich / epd


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