Heinrichsblatt

Alle Nachrichten

„Und Gott sah, dass sie streamten“

Vom Fluch des überhastet benutzten Live-Buttons in Zeiten von Corona


Foto: Gottesdienste in Kirchen sind aktuell nicht möglich. So versammeln sich viele Menschen virtuell, um Gottesdienst zu feiern. Doch ein Online-Pastoral ist mehr als nur Gottesdienste zu streamen. Foto: dreiviertel Fotografie/Katharina Gebauer

Seelsorge in Zeiten der Corona-Krise. Gemeinschaftliche Gottesdienste sind aktuell nicht möglich. Was also bleibt? Ein Gastbeitrag des katholischen YouTubers und Initiators von Lingualpfeife.de Martin Ludwig Jetschke für das Heinrichsblatt. 

Es war einmal ... da galt für den katholischen Klerus die tägliche Zelebrationspflicht der heiligen Messe. Da es die heutige Form der Konzelebration noch nicht gab, musste jeder also einzeln ran und so entstand insbesondere in Klosterkirchen und Kathedralen die architektonische Erfindung der Seitenaltäre, an denen also zeitgleich eine Fülle an „Stillen Messen“ zelebriert wurden, zwischen denen Gläubige im Hauptschiff rege wechselten, um nur möglichst häufig bei der Wandlung dabei zu sein, wofür auf diese Weise besonders viele Ablässe gewinnen zu waren. Seit nun endgültig im deutschen Sprachraum alle Gottesdienste aufgrund des Corona-Virus abgesagt wurden, kommt es mir vor, als feiere diese als überwunden geglaubte Praxis fröhliche Urständ, haben doch in einem schlagartig eingetretenen Aktionismus der Hilflosigkeit zahlreiche Seelsorgerinnen und Seelsorger auf ihrem Smartphone den Live-Button entdeckt und streamen plötzlich, was das Zeug hält: Impulse, Andachten, Gebete und vor allem ganz ganz viele Messen. Auf YouTube ist das ohne Abonnenten gar nicht so leicht, denn man muss die Grenze von 1000 Abonnenten knacken, die es für mobiles Streaming braucht. Ja, selbst deutschen Bischöfen ist inzwischen der Live-Button und die Digitalisierung nicht mehr entgangen und schon kann es losgehen: Live und pontifikal. Mir schwirrt davon inzwischen der Kopf. Haben wir uns nun tatsächlich angesichts der Not wieder zurück an die Seitenaltäre gestellt, zwischen denen die Gläubigen munter hin- und herwechseln können, um zur „rechten Zeit, die Gottes Huld uns wieder schenkt“ im richtigen Stream ein weiteres Päckchen digitaler Gnade abzupassen? Sind wir wirklich wieder an diesem Punkt angelangt? Haben wir längst vergessen, wie einst das Zweite vatikanische Konzil mit Blick auf diese Missstände die Messe als „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ (LG 11) geadelt, gleichzeitig aber als gemeinschaftliches Tun, ja, wenn man so will: als die gemeinschaftliche Zelebration des gesamten Volkes Gottes eingeordnet hat? Als zentrales Prinzip der liturgischen Reform galt hierbei die „tätige Teilnahme“ „Bei dieser Erneuerung sollen Texte und Riten so geordnet werden, […] dass das christliche Volk sie möglichst leicht erfassen und in voller, tätiger und gemeinschaftlicher Teilnahme mitfeiern kann“ (SC 21). Wäre es also nicht an erster Stelle – vor Beginn eines Livestreams jedweder Art – auch zu überlegen, wie diese tätige Teilnahme über das Internet realisiert werden könnte? Etwa durch das Zuschalten von Usern, die die Lesungen vortragen oder Antworten geben. Gewiss, die heilige Messe bietet hierbei nur begrenzte Möglichkeiten, die auch bei geringem technischen Knowhow noch zu realisieren sind. Aber als Mindestanforderung für jede dieser Übertragung wäre meines Erachtens die Option für digital eingebrachte Fürbitten zu nennen, die dann auch live vorgetragen und in die örtliche Feier einbezogen werden. Auf diese Weise kann beispielsweise auf diözesaner Ebene zentral eine Feierform geschaffen werden, die dann auch genügend User vereint. Einzelne Seelsorgeeinheiten werden das nämlich in kurzer Zeit kaum realisiert bekommen, da die Klientel der sonstigen Gottesdienstbesucher häufig weder über einen Internetanschluss und WLAN verfügt und bestenfalls am Handy mit niedrigpreisigen Prepaidverträgen ausgestattet sind, um die familiär, gegebenenfalls aufgenötigte WhatsApp-Kommunikation sicherzustellen. Darüber hinaus wären vielleicht online vor allem für die jüngeren Generationen auch weitere – dezidiert „Mitmach-Formate“ zu überlegen: Etwa der Ortspfarrer oder Bischof, der im Livestream oder Livechat in einem Gespräch mit den Usern in Interaktion tritt und die tatsächlichen Sorgen und Nöte der Menschen aufgreift, in einem Format, in dem User zusammengeschaltet werden können zum gemeinsamen Gebet oder in privaten Chats die Möglichkeit der pastoralen Begleitung wahrgenommen werden kann Ja, auch als christliche Online-Community „Lingualpfeife“ haben wir das Aufkommen unserer YouTube-Livestreams aufgrund des erhöhten Bedarfs spürbar erhöht und wir verzeichnen in diesen Tagen ein enormes Wachstum auf unserem Server auf Discord. Im Unterschied zu sämtlichen anderen Formaten handelt es sich dabei allerdings um Basisinitiativen, die also aus dem Bedürfnis der User erwachsen sind, von ihnen vorbereitet und durchgetragen werden Wir haben über zwei Jahre in diesem Bereich (übrigens zu jeder Zeit ehrenamtlich in der Freizeit und unbezahlt!) zahlreiche Dinge ausprobiert, verworfen, modifiziert und vor allem mit viel Geduld und Spucke nach Lösungen gesucht, wie wir den Usern auf digitale Weise eine Weggemeinschaft und geistliche Heimat eröffnen können, in der uns die Möglichkeit der aktiven Teilnahme stets leitend war. Wir wurden dafür vielfach belächelt und als digitale Nerds abgetan und immer hieß es, die Sache wäre defizitär, weil doch nur der persönliche Kontakt mit den Menschen das einzig Wahre in der Seelsorge sei. Dass das nicht stimmt, wissen wir schon lange, weil der digital geteilte Alltag in Gebet und Gespräch für uns schon lange selbstverständlich ist. Corona wird vorübergehen – und dann? Werden alle wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen, als wäre nichts geschehen? Wünschenswert wäre das nicht. Zieht man jetzt kirchenpolitisch die einzig logische Konsequenz, braucht es in sämtlichen Bistümern hauptamtliche Stellen für den Bereich der digitalen Seelsorge in enger Abstimmung mit den diözesanen Medienhäusern und eine breite Rezeption einer Theologie des Digitalen. Dann werden beim nächsten Mal die Öllampen brennen – und es wird vielen erspart bleiben, völlig unvorbereitet krampfhaft nach dem Live-Button am Handy zu suchen.

Autor: Martin Ludwig Jestchke


Zurück

Ein Bistum im Umbruch

Aktuelle Downloads

Pfarrbriefvorlagen zum Herunterladen

Anzeigen

Märkteverzeichnis zum Herunterladen

Anzeigen

Begegnung mit Erzbischof Ludwig

02.11Pontifikalrequiem mit Gräbergang
03.11Firmung
07.11Firmung
07.11Firmung

Alle Termine anzeigen

Heinrichsblatt-Probeabonnement