Ankara (KNA) – Zu Beginn seiner ersten Auslandsreise hat Papst Leo XIV. den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen. Vor Spitzen von Staat und Gesellschaft lobte er am Donnerstagmittag in Ankara ausdrücklich dessen Familienpolitik und sprach von einer "besonderen Rolle der Türkei". In seiner ersten außenpolitischen Rede als Papst sagte er: "Sie nehmen einen wichtigen Platz in der Gegenwart und Zukunft des Mittelmeerraums und der ganzen Welt ein."
Die Türkei, so der Papst weiter, verbinde Asien und Europa, aber sie sei auch selbst "ein Begegnungsort verschiedener Empfindungsweisen, deren Vereinheitlichung eine Verarmung darstellen würde". Mit Nachdruck warb das katholische Kirchenoberhaupt für gesellschaftlichen Pluralismus, der von extremen Vertretern des türkischen Nationalismus bekämpft wird. Es seien die Brücken zwischen verschiedenen Seelen, die Gesellschaft zu einer Zivilgesellschaft machten.
Zur Rolle der Christen in der Türkei, die dort nach den Vertreibungen im frühen 20. Jahrhundert nur noch eine kleine Minderheit bilden, sagte er: "Ich möchte Ihnen versichern, dass auch die Christen, die Teil der türkischen Identität sind und diese empfinden, positiv zur Einheit Ihres Landes beitragen wollen." Es gelte, "die Würde und Freiheit aller Kinder Gottes zu achten: von Männern und Frauen, Landsleuten und Ausländern, Armen und Reichen".
Lob für Familien- und Frauenförderung
Die Familienpolitik in der türkischen Kultur lobte der Papst, und es mangele nicht an entsprechenden Initiativen. Leo wörtlich: "Weder eine individualistische Kultur noch die Geringschätzung von Ehe und Fruchtbarkeit bieten den Menschen mehr Lebensmöglichkeiten und Glück. Auf diese Täuschung der Konsumwirtschaft, in der Einsamkeit zu einem Geschäft wird, sollte man mit einer Kultur reagieren, in der Zuneigung und Bindungen einen hohen Stellenwert haben".
Zur Rolle der Frau in der Türkei bemerkte der Papst, sie stellten sich durch Studium und aktive Teilnahme am beruflichen, kulturellen und politischen Leben "zunehmend in den Dienst des Landes und seines positiven Einflusses auf internationaler Ebene".
Mitwirken an besserer Welt
Gegen Ende seiner Rede wandte sich der Papst direkt an Erdogan und sagte: "Herr Präsident, möge die Türkei ein Faktor der Stabilität und der Annäherung zwischen den Völkern sein, im Dienste eines gerechten und dauerhaften Friedens." Der Vatikan sei gewillt, gemeinsam mit der Türkei "an einer besseren Welt mitzuwirken".
Vor seiner Rede in der türkischen Nationalbibliothek hatte Papst Leo XIV. zunächst im Atatürk-Mausoleum einen Kranz niedergelegt. Danach wurde er von Erdogan vor dem Präsidentenpalast mit militärischen Ehren empfangen.
Erdogan betonte in seiner Rede religiöse Toleranz als ein Ziel seiner Regierung. Er unterstrich die aktive Rolle der Türkei in den Gesprächen für einen Frieden zwischen der Ukraine und Russland und lobte den Einsatz des Vatikans für eine Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt von Israelis und Palästinensern.
Baseballschläger und Kuchen
Im Flieger nach Ankara hatte Leo XIV. von einem mitreisenden US-Journalisten einen Baseballschläger erhalten. Der Papst ist seit seiner Jugend Fan des Baseballclubs seiner Heimatstadt Chicago. Auch andere mitreisende Journalisten beschenkten ihn zur ersten Reise, etwa mit Kuchen, wie er in Nordamerika zum Fest Thanksgiving gegessen wird. Unter den Gaben war auch eine Marien-Ikone von Guadalupe, die in Latein- und in Nordamerika verehrt wird. Während des Fluges ging Leo durch die Reihen und begrüßte jeden und jede einzeln. Dabei kam es auch zu kurzen Gesprächen.
